Ein Vierteljahrhundert
Neulich zerrte ich einen alten Ordner mit fast 25 Jahre alten Papieren aus dem Schrank. Ich muss immer heftig nießen bei Sichten so alter Sachen, kennt das jemand? Vergangenheitsallergie vielleicht? Einen Tag vor Heiligabend 1999 wurden meine erste Frau und ich geschieden. Natürlich hat es einen Grund, solch alten Mist anzuschauen: Die jeweils erworbenen Rentenpunkte hier wie dort, derweil gegen Jahresende mal ein wenig gerechnet werden soll, von kundiger Stelle. Und so kopiere ich um die 30 Seiten Zahlenwerke, die ich nicht verstehe, bis auf die geldwerte Differenz an Punkten zu meinen Lasten am Ende der Betrachtung. Erwartungsgemäß, das alles, wenn auch unerfreulich.
Allein das Datum – zu dieser Zeit lagen noch rund zwei Monate heftigster Exzesse und Abstürze vor mir, bis ich Ende Februar 2000 fertig mit mir war, im mehrfachen Sinne. Rückblickend war diese Zeit die gruseligste in meinem bisherigen Dasein. Nie habe ich es bereut, mich damals für das Leben entschieden zu haben – ich habe mir das Leben genommen, im wahrhaftigen Sinne, nachdem es mir zum zweiten Mal geschenkt wurde. Stumme Zeugen dieser Zeit sind staubige Papiere, von denen ich damals schon wusste, dass ich sie mir noch genau ein Mal ansehen muss.
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Kommen jetzt die Russen?
Die Russen kommen, so hieß es oft in meiner Jugend, wenn die Dinge aus welchen Gründen auch immer völlig aus dem Ruder zu laufen drohten. Mal sah es auch nach gewissen Tagungen so aus, als wären sie schon dagewesen, man kennt das vielleicht. Und ja, es bestand zumindest die theoretische, wenn auch unwahrscheinliche Möglichkeit, dass sie tatsächlich hätten kommen können, die Russen.
Die Schwäche des Einen ist in der großen Politik die Stärke des Anderen und so besteht heute wieder besagte theoretische, wenn auch unwahrscheinliche Möglichkeit, dass sie kommen könnten, die Russen.
Wie komme ich darauf? Neulich fiel hier daheim das WLAN aus. Das kommt alle paar Monate mal vor, für ne Stunde auf zwei oder so, nicht ungewöhnlich also. Meist war das Festnetztelefon davon nicht betroffen, jetzt allerdings schon – keiner zuhause. Was mich dann aber doch ein wenig nervös gemacht hat, war die Tatsache, dass die Liebste und ich auch nicht den geringsten UMTS-Empfang hatten, obgleich in zwei verschiedenen Netzen unterwegs, also zeitgleich kein Mobilnetz und kein Mobiltelefon. Da kommen dann schon komische Gedanken, zumal im Radio darüber nichts zu hören war (die verheimlichen uns was, haben Schiss vor Panik). Zähl mal die Konserven und füll die Wasserkanister auf, wer weiß.
Nach gut einer Stunde ging zunächst das Festnetz wieder, ich rief den Betreiber an, der mir bestätigte, dass die Telekom an den Leitungen geschraubt hatte. Als ich ihm das mit den Mobilnetzen erzählte, war für ein paar Sekunden so ein merkwürdiges Schweigen in der Leitung, gefolgt von – wäre ja ungewöhnlich und so. Jedenfalls war der Spuk schon während des Gesprächs vorüber, alle Netze funktionierten wieder und die Russen kamen vorerst auch noch nicht, immerhin.
Vielleicht sollte ich mir doch mal so eine Kurzwellenfunkkiste besorgen, die kann man zwar nicht essen, wenn sie dann doch mal kommen, die Russen, aber man kann sich dann vielleicht mit anderen darüber unterhalten. Das hilft zwar nix, lenkt aber ein wenig ab, möglicherweise.
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