Samstag, 240928

Empfindsamkeit

Nein, Du doch nicht … sagt sie. Doch, ich habe bis heute kaum eine Rechtschreib- oder  Grammatikregel verstanden. Als Kind war ich komplett blockiert, angst- und schambesetzt. In Deutsch stand ich stets zwischen 4 und 5, so wie in den meisten anderen Fächern auch, Ausnahme Mathematik und Physik. Meinen Realschulabschluss erreichte ich nur mit Nachhilfe und dem sturen Willen, diesen ganzen Scheiß nicht durch sitzenbleiben noch verlängern zu müssen.

Meine kulturelle Prägung fand auf der Straße statt, früh allerdings kamen Bücher dazu. Immer gab es Gott sei Dank Menschen, die meinen Horizont erweiterten. Meinen Eltern mache ich in dem Zusammenhang keine Vorwürfe, was sie hatten, gaben sie, es wurde mir nichts vorenthalten.

Heute spiele ich mit Worten, habe mit Hilfe des Netzes einigermaßen schreiben gelernt und zu einem Stil gefunden, der zu mir passt. Es gibt auch so etwas wie den inneren Souverän, der Kritik verarbeiten kann, ohne gleich austeilen zu müssen. Was bleibt, ist eine gewisse Grundunsicherheit, die darf auch sein. Es wird immer Menschen geben, die gebildeter sind als ich. Schulbildung, kulturelle Bildung und auch so genannte Herzensbildung. Sie sind – und ich bin  – unvergleichlich.

Gestriger zartblauer Morgenhimmel mit Wolkendrachen und Minimond.

Freitag, 240927

Millieustudie

Draußen hämmert wer an der Tür, der junge Prüfling begehrt Einlass. Der sehr symphatische junge Mann kommt von sonstwo (extern) und soll bestromte Sachen vermessen. Heute nun so eine elektrische Zeitspardose – nach getanem Werk möchte er telefonieren und wendet sich mangels Alternative an mich. Kannste mal die Nummer vom B, fragt er und ich überlege, ob ich ihm die Wahrheit sagen soll. Och nö, Illusionen zerstören sich am liebsten selbst, denke ich, und sage ihm die Durchwahl. Geht keiner dran, sagt er, haste auch die Nummer von der K. ? Klar, sage ich, und lächle charmant. Geht auch keiner dran – leichte Verärgerung ist seinem Tonfall zu entnehmen.

Tja, sage ich, du hast ein kleines Problem. Du ruftst von meiner Nummer an, da gehen die nie dran. Wenn die meine Nummer sehen, sind die grundsätzlich gerade unabkömmlich. Gelächter – und A.? Klar, sage ich, der spricht mit mir, wir kommen aus dem gleichen Stall. Dann rufe ich den an, der soll die dann anrufen, können wieder hochfahren.

So geht das auch. Die Moral von der Geschicht? Nimbuspflege macht kontaktarm. Ich erzähle dem jungen Mann noch was von Kotelett-Kind – ne kleine Weisheit für das Wochenende, die er noch nicht kennt. Auf sein Fragezeichengesicht erläutere ich ihm den tieferen Zusammenhang, die traurige Geschichte von dem kleinen Jungen, dem man einst ein Kotelett um den Hals hing, damit wenigstens die Hunde mit ihm spielten. Hat er was gelernt und Spaß hatten wir beide.

*

Freitag, 240920

Durchhalten

Die ewig schlecht schließende Balkontür.
Die ständig hustenden altersschwachen Maschinen.
Die teils losen Nervenenden.
Mein dünnes, derangiertes Fell.

Zeitspiele

Mutter erzählt von der Zeit, als sie so alt war wie ich nun, früher noch, so mit 60. Gefreut haben sie sich, endlich frei, beide gesund und ab dafür. Als sie so alt waren wie ich nun, lag meine erste Ehe in Trümmern und meine Würde im Straßendreck. Sie waren nicht da, aber es hätte nichts geändert, wären sie da gewesen. Kaputt ist kaputt.

Wüter-ich

Wäre schön, sagt Mutter, du könntest da raus. Ja, sage ich, wäre schön. 46 Jahre Öl, Lärm, Dreck, Möchtegerneiermänner, Klugscheißer aller Couleur, Egomanen mit Krankheit als Erfolgsprojekt, studierte Menschen, die ihr Fachwissen als abwärtskompatibel verstehen, das färbt ab. Auf die Seele, die wird davon ganz graufaltig und reicht ihre Beschwerden erst mal durch, macht erbost Pipi in ihrem solcherart versehrten Heim – Hier , Körper, da hast du. Lerne was draus.

Wir müssen alle mehr und länger arbeiten, sagen die klugen Köpfe und ich möchte ihnen aus lauter Ergriffenheit über so viel ökonomisches Fachwissen einfach nur die Fresse polieren.

Warten

Termin mit dem Rentenamt (steht).
Noch offener Termin zum impfen, wo auch immer (ist aus der Mode gekommen).
Termin in der Autowerkstatt (steht).
Termin in der Hautwerkstatt (steht).
Liste unvollständig …

Warten auch auf den Tag, an dem Mutter sagt, es reicht. Kommt sie doch kaum mehr auf die Füße. Reichen im Sinne von Akzeptanz eines Doppelzimmers. Alles eine Frage des Leids, wie so oft.

Angst

Zu versagen, nicht genügen (altes Ding).

Dankbar

Nicht so geworden zu sein, wie ich hätte werden können.
Überhaupt noch da zu sein – ohne Zettel am Zeh.
Bis dato nicht straffällig geworden zu sein – was bitte so bleiben möge.
46 Jahre Lohn & Brot. Immerhin.


Dankbar für die beinahe regelmäßigen Anfälle von strategischer wie taktischer Klugheit. Dankbar für die Hoffnung und die Zuversicht, die immer wieder durchschimmert. Dankbar für die Führung, die ich annehmen kann, meistens. Dankbar, dass ich nicht so allein bín, wie ich mich oft fühle.

Sonntag, 240915

Spannende Fragen, die mich schon lange beschäftigen: Was genau ist an einem Menschen unveränderbar, von Beginn an angelegt, genetisch oder durchfrühkindliche Prägung? Wie erkenne ich diese Anteile, ohne jahrelang den Don Quijote vor mir selbst abgeben zu müssen? Was sind meine ganz persönlichen Grenzen?

Versuch und Irrtum, ja klar, es kegelte Windmühlen, später kamen dann Erkenntnis und in der Königsklasse liebevolle Akzeptanz hinzu. Was mich treibt ist Neugier auf das, was noch zu ändern geht und hoffe, dass mir diese Neigung bis zum letzten Tag erhalten bleibt.

Seebildchen vom Baldeneysee, gestern Abend. Wasser hat für mich Magie und romantische Spiegeleien sowieso.

Mittwoch, 240911

Nebenan in Langenfeld hat es seit kurzem ein Automatenrestaurant (Werbung, unbezahlt). Das kann man, wie so vieles im Leben, so oder so sehen, auf Facebook wird stolz präsentiert und in den Kommentaren werden sich mit Hingabe die Mäuler zerrissen.

Selbst bin ich nicht unbedingt begeistert, aber zumindest heiterer Stimmung beim Gedanken an solcher Art Verköstigung. Als mehrfach von meinen Mitmenschen kategorisierter Misanthrop treibe ich diese Geschäftsidee auf die Spitze, indem ich solange draußen abwarte, bis ich mir sicher sein kann, allein in dem Geschäft zu sein.

Aber:

„I don`t hate People. I just feel better when they aren`t around“

Charles Bukowski

So weit würde ich allerdings nicht gehen:

Drabble-Dienstag, 240910

Dieser Eintrag ist Teil vom Drabble-Dienstag, der momentan von der Puzzleblume ausgerichtet wird. Danke dafür!

Die Regeln: 100 Worte, die drei Vorgegebenen müssen mit rein, dürfen nach Herzenslust gebeugt, aber nicht durch Synonyme ersetzt werden. Überschriften, Triggerwarnungen, Fußnoten und dergleichen zählen nicht mit.

Heute mit: Ackerland + vermuten + unkenntlich.

Sehnsuchtsort

Nein, er ist kein Mann der Scholle, obgleich gesegnet mit Respekt vor dem Ackerland und all seinen Früchten. Die Landschaft aber, die mag er. Nicht so hügelig wie in den verwunschenen Wupperbergen, wo der eingeborene Landwirt stets ein Bein kürzer als das andere hat, angelaufen an den zahllosen Steilhängen. Er liebt das platte Land, den Niederhein, dort, wo man am Mittag nicht nur vermuten, sondern mit gutem Auge bei klarer Sicht sogar sehen kann, wer des Abends kommt. Selbst der Nebel ist hier anders – weiter, größer und zäher als hinter den sieben Bergen – unkenntlich das andere Ufer des großen Stroms.

Montag, 240909

Spätblüher

Mir blüht etwas. Zum aus-der-Haut-fahren könnte es sein. Was für ein dummer Spruch. Nackt ist ja schon so ein fragwürdig Ding, jenseits der 60. Nackt ohne Haut wäre ein Unding. Scheidet also aus, und so darf ich leben mit den Blüten auf meiner Haut. Der heiße Sommer und das viele schwitzen ließen sie sprießen. Äußere Gegebenheiten sorgten für den Dünger. Dem Arzt fällt nur stinkiges Unkrautvernichtungsmittel ein, mit einem allseits bekannten Allround-Gift. Ist auch nicht die Lösung auf Dauer.

Gestern war Sonntag und wir sahen alte Freunde. Acht Augen, einiges Frühstück und diverse Innigkeit ließen die Blüten im Nachgang blasser werden. So sind sie, die Blüten. Montags dagegen haben sie Spaß, kuckuck, wir sind schon alle da.

Habe mich in meiner Haut schon wohler gefühlt. Andererseits habe ich das Gesamtkunstwerkdasein immer schon lieber den anderen überlassen. Von daher halte ich mich bedeckt und hoffe auf kühleres Wetter.

Donnerstag, 240905

Mutter ist aufgeregt, nach der Besichtigung der Einrichtung hier im Kiez. Das Gesehene und Gehörte gefallen ihr. Und dann dieser Satz: „Wenn hier ne Bombe trifft, dann richtig…„.

1952 flohen die beiden physisch vor ihren Kriegstrauma aus dem Tal der Wupper auf die Südhöhen. Innenstadt blieb für sie zeitlebens Feuersturm, Tiefflieger, Bomben, Blut, Leichen, Elend, Tod und Hunger. Ich habe einiges zu tun, ihr die Vorzüge des neuen Heimes, oder besser, dessen Lage, zu erklären (wenn dann einst ein Zimmer frei wird).

Reden, ohne zu manipulieren. Lenken, ohne Eigenständigkeit zu missachten. Echte Herausforderung.

*

Dienstag, 240903

Politisches Rumgemaule

Da wird sich empört und diskutiert über das Wahlergebnis letzten Sonntag. Wozu das Ganze, frage ich mich, das war ebenso erwartbar wie vorhersehbar. Selbst behalte ich mir vor, eine eigene Haltung zu Themen wie dem Grundrecht auf Asyl, zur Brechstangen-Energiewende, zur Agitation des Westens seit 1990, zu Russland, zur proklamierten EU- und Nato-Zugehörigkeit der Ukraine sowie zu deren fortlaufenden Unterstützung zu haben. Ohne ein Rassist, Faschist oder gar Nationalsozialist zu sein, werde ich die wählen, die meiner Haltung am nächsten kommen.

Was ich vermisse, ist Respekt. Mir passt der Ton der AfD ihren politischen Gegnern gegenüber nicht und mir passt ebensowenig der Ton der Gegenseite der AfD gegenüber nicht. Das gefällt nur den Scharfmachern beider Seiten und endet blutig auf der Straße, wie gehabt. Mir passt die gängige Diskreditierung und Herabwürdigung politisch Andersdenkender hierzulande, gleich, auf welcher Seite sie stehen, schon lange nicht mehr. Mir passen Straßenblockaden gegenüber Politikern nicht, ebensowenig das Stürmen von Veranstaltungen.

Mir gefallen die sogenannten politischen Unvereinbarkeitsbeschlüsse der Vergangenheit immer weniger. Wobei das einen gewissen Unterhaltungswert haben wird, demnächst bei der Union beobachtbar. Mal sehen, wieweit die Aussicht auf volle Tröge dogmatisch biegsam machen wird.

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Staatsräson?

Der Kollege wirkt betrübt, mehr als sonst. Wir kennen uns Jahrzehnte, da merkt man das. Er hat am Vortag mit seiner Schwester in Djenin telefoniert, sagt er. In der Heimat sei der Teufel los. Ausgangssperre 24/7, wer sich nicht daran hält, ist Freiwild für das israelische Militär. Wohnungen werden mehr denn je zuvor willkürlich geräumt, die Bewohner ins Freie getrieben, seht zu , wo ihr bleibt. Häuser werden abgerissen, Straßen aufgerissen, Grundstücke beschlagnamt, mehr denn je willkürlich verhaftet.

Kein Thema in D., aus Gründen.

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Sonntag, 240901

Diese Woche gab es einen Anruf des Einrichtung in der Nähe, die für uns auch erste Wahl darstellt, sowie eine Verabredung zum gegenseitigen Kennenlernen nächste Woche. Ich möchte Mutter hier in der Nähe haben, wäre gut, wenn es dort gehen würde, der Ruf ist ein guter.

In meinem Kopf gerät einiges durcheinander. Wie all dies, was da auf mich zukommt, wenn auch weder plötzlich noch unerwartet, mit meiner Werktätigkeit vereinbar sein könnte. Erst einmal lade ich Formulare von der Website der Einrichtung herunter. So stumpfe PDF-Dinger ohne interaktive Felder zum online-ausfüllen. Ich mag keine handschriftlichen Ausfüllaktionen in meist viel zu kleinen Vorgabefeldern, verbunden mit dem Risiko von Zahlendrehern oder gewissen Unleserlichkeiten. Da bin ich Pedant. Adobe pro scheidet aus Kostengründen aus, knapp 300 € Jahreslizenz ist was für Leute, die beabsichtigen, damit Geld zu verdienen. Fürs Phon gibt es eine weit kostengünstigere Alternative, nennt sich PDF EXTRA, gibt es im Store und kostet nur 42€ im Jahr. Nach anfänglichen Umhergeholpere komme ich jetzt gut damit klar. Der Antrag ist fein ausgefüllt und bereits von Mutter unterschrieben, ein ärztliches Attest vorbereitet, durchgesprochen und dünn mit Bleistift vorausgefüllt.

Die Zeit ist reif, Mutter hat sich innerlich von ihrem alten Leben verabschiedet. Es wird einfach nicht mehr besser, soviel ist klar. Gute Sache, das selbst einzusehen, dann gibt es noch eine kleine Wahl. Ich derweil bereite vor und freunde mich soweit möglich mit dem an, was da kommt. Finanzen sind ein sehr großes Thema, in allen möglichen Belangen. Die unvermeidliche Wohnungsauflösung ebenso, früher oder später. Mit Wartezeit müssen wir rechnen, das wird möglicherweise nächste Woche schon klarer werden.

Derweil bete ich um Struktur und Gerichtetheit, Nerven und Geduld. Bin bei dir, spüre ich. Die Liebste auch, die das alles bereits vor langer Zeit hinter sich bringen musste, wenn auch in etwas anderer Form. Eines nach dem anderen, das wichtigste zuerst. Alles in allem fühlt es sich um Längen unaufgeregter an als das Ende meines Vaters vor fast zwei Jahren.

Jetzt gerade zieht ein feiner Curry-Knoblauch-Duft die Wohnung, vom gerade vorbereiteten Gemüseauflauf mit saisonalen langen Angeberbohnen für heute Abend. Jede Maschine braucht Pflege, jeder Mensch gutes Futter. Kann ich.

Paar Kiezbildchen dieser Tage, ich liebe so Gegenlichtdinger.
Wuppertal Nordstadt & Monte Petrol.