Donnerstag, 230713

Sollen wirklich alle Dämme brechen? Ist Kernschmelze aushaltbar? Im Grunde reicht der liebevolle Blick. Den Menschen am Stück anzunehmen. Wobei miteinander reden nicht schadet, meistens. Wenn man mitbekommt, ab wann besser geschwiegen werden sollte.

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Wir nutzen die gut 6 Minuten am frühen Morgen, meine Mitfahrerin und ich. Wie gehts, gut geschlafen, und so kommt eigentlich jeden Tag ein kleiner Dialog zustande. Manchmal holpert die Verständigung, die Umlaute und so, vor allem die mit den Pünktchen. Dazu kommt die frühe Stunde, meine temporäre geistige Trägheit sowie gewisse straßenverkehrstechnische Herausforderungen, aber mit ein wenig Phantasie und dem wiederholten einsetzen mehrerer Begriffe findet sich immer der passende Sinn.

Dann wieder sind die Dinge klar, kurz und bündig umschrieben. Was ihr wichtig ist, passt in wenige Worte, deren Reihenfolge alles andere als beliebig ist.

Mein Gott
Meine Kinder
Mein Mann

Sie erzählt von ihrem Großen und dass die Mama für alle Söhne immer die erste Liebe sei. Das sitzt, bei einem wie mir, der aus einer zumindest in Teilen dysfunktionalen Familie stammt, wie es heute heißt. Sie leiert keine Stereotype herunter, wenn sie so etwas sagt, sie strahlt innerlich und äußerlich dabei, was mich schwer beeindruckt und mir das Gefühl gibt, noch viel lernen zu können.

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Das Bild

Myriades Einladung zur Impulswerkstatt – Juli – August 2023
Text zum Bild unter Verwendung vorgegebener „Mosaikstücke“ – maximal 300 Wörter
kein Zeichenlimit, habe ich verwechselt.

Mosaikstück 1: „Spinat“ oder „Erbsen„;
Mosaikstück 2: „Vergraben sollte sie werden …“
– kann eingefügt werden, muss aber nicht.

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Allmählich bildet sich ein kleiner See zu ihren Füßen. Der Regen hatte sie hereingetrieben, sonst wäre sie nie auf die Idee gekommen, dieses Museum zu besuchen, obgleich es an ihrem Arbeitsweg liegt. Fröstelnd zieht sie sich die klatschnasse Stola über die Brüste – uralter Reflex, nasses Shirt und kein BH, die Mutter tat ebenso, da ist es unwichtig, dass sie in dem großen Saal allein ist.

Draußen schüttet es immer noch, und so verweilt sie vor diesem Bild, das sie auf dem ersten Blick entfernt an ein britisches Erbsenmusgericht erinnert. Wenn da dieses Blau nicht wäre. So blau wie das Wasser in ihren immer wiederkehrenden Träumen, Wasser, das sich langsam, aber unaufhaltbar im Zimmer ausbreitet, sich anstaut, sie zwingt zu schwimmen, ihr mit ebenso langsamer wie gnadenloser Endgültigkeit die Luft zum Atmen nehmen möchte. Finales Ertrinken in den eigenen Gefühlen, des Nachts, wenn der Verstand Pause macht.

Rot, das sich ins Wasser stürzt, feuriges Rot, ohne rechte Chance gegen das viele Wasser. Gebremste Lebensenergie, vom Wasser höhnisch gespiegelt. Wie lange noch, denkt es in ihr, während sich ihre Tränen mit den letzten Wassertropfen des Regengusses vereinen. Vergraben sollte sie werden, die Mutter, und ihr Grab vom abfließenden Wasser liebevoll genährt. Sie lässt nach, diese Starre, und während sie langsam zum Ausgang geht, spürt sie zum ersten Mal so etwas wie Freiheit in sich, ein Hauch von Rot.

Drabble – Dienstag, der 11.7.2023

Die Regeln: 100 Wörter, 3 davon sind die Gewürfelten, Überschriften zählen nicht mit. Beugen geht, ebenso wie Mehrzahl und zusammengesetzte Begriffe. Synonyme gehen nicht. Einen Preis gibt es auch nicht, der Lohn ist das entkrampfen der Hirnwindungen nach vollbrachter Tat. Neu – das „Wort-würfeln“ findet ab nun analog statt. Blind drei Wörter aus einem Buch gepickt. Was dem Finger am nächsten kommt …

Quelle heute:
Robert Seethaler
Das Cafe ohne Namen

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Kernsippe mit Aufforderung zum anders machen

Wie viel Zeit bleibt noch und was wird sich währenddessen wohl bewegen können – solche Fragen stellte ich mir öfter beim regelmäßigen, sonntäglichen Nachmittagsprogramm, irgendwo zwischen staubtrockenen Blätterteigkeksen und Milchkaffee, der half, das Ganze herunterzubringen. Die Falle, in die ich gerne lief, bestand darin, die Gegenwart aus den Augen zu verlieren, bei allem Pflichtgefühl, bei allen hochgefahrenen Schutzmauern.

Vorteil an alledem – sie interessierten sich nicht wirklich für mich. Ihm geht`s gut, das reicht. Alles weitere – da spricht man nicht drüber. Und so kam ich auch nicht in Verlegenheit, zu viel über mich preiszugeben. Oberflächliches, dünnes Eis, das trägt, solange es trägt.

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Wortzähler – hier

Samstag, 230708

Beinahe zusammenhangloses Zeug.

#Blase – davon gibt es viele. Auch ich sitze in so einer, in Sachen Suchterkrankung. Im Unterschied zu anderen Blasen, Kommunitys, Themenblogs, Chatgruppen und dergleichen weiß ich allerdings, dass unsereins gesamtgesellschaftlich betrachtet eine Minderheit ist. Wobei es auch bei uns solche und solche gibt. Persönlich gehen mir Verallgemeinerungen, Unterstellungen sowie das ungeprüfte, nicht verifizierte Teilen (kann nur anstreben, es selbst besser zu machen) von Kletis und Pletis Anschuldigungen auf den Nerv. Auch dafür habe ich Geld gespendet – primär mögen diejenigen sich Rechtsbeistand leisten können, denen tatsächlich Unrecht getan wurde – aber auch, auf dass alle anderen mal vortreten und möglicherweise vor Gericht als das entlarvt werden, was sie sind. Ausführungen dazu spare ich mir.

#soziale Medien – da gab es neulich ein kurzes, aber erkenntnisreiches Gespräch mit meinem Sohn, zum Umgang mit eben solchen Medien. Auslöser war meine Neigung, zumindest hier und da mal meine Meinung zu vertreten und gelegentlich auch Gegenwind zu bekommen. Och, sagt meine Sohn, ist doch ganz einfach: Ausmachen. Einfach den Computer ausmachen. Zack, sind se alle weg. Bin stolz auf mein kluges Kind.

#Internet & Wahrheit – als Papi bin ich keine hehre Lichtgestalt und auch sonst nicht immer. So kam neulich in trauter Familienrunde eine kleine Episode wieder zurück in die Gegenwart, die ich längst vergessen hatte: Mein damals noch nicht ganz 14-jähriger Sohn wollte auf so einer Spieleplattform mitspielen, ein harmloses Ding, als Basis-Mitglied kostenlos, aber mit der Möglichkeit, irgendwelche Optionen gegen Bares zu erwerben. Darüber sprachen wir aufklärerisch, das weiß ich noch. Blieb das Problem mit der Altersgrenze – mitmachen erst ab 14, was das Kind schier in Not brachte. Mein Kommentar damals war – na dann lüg doch. Vier mittlerweile geflügelte Wörter, die ich mir ab und zu immer noch anhören darf, wenn es um das WWW geht. DIE Erklärung des Internets schlechthin.

#Unsterblichkeit – gestern fuhr so eine Cabrio-Corvette vor mir, schön schwarz, mit irgend einer kleinen roten Schrift hinten drauf, die mich neugierig machte. Der Kerl musste vor mir halten und ich las: Jage nicht, was du nicht töten kannst. Aha, spontan dachte ich an zwei Möglichkeiten der Interpretation. Variante 1 – irgendwas mit Waidmannsheil. Allerdings machte das Gefährt nicht unbedingt den Eindruck eines allradbetriebenen Jagd- und Flurfahrzeuges, so kam Variante zwei besser hin: Vor mir fuhr ein Unsterblicher, zumindest was die Selbsteinschätzung angehen sollte. Soll vorkommen, aber möglicherweise ist der Herr bislang einfach noch nicht an das entsprechende Gegenüber geraten. Möge ihm dies und andere Irrtümer erspart bleiben.

Nachtrag – so viele schwarze Corvettes gibt es hier nicht, dass ich sie mir nicht mal von hinten anschaue 🙂

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Freitag, 230707

Von Pontius nach Pilatus

Die Leuchten meines Bobbycars hören auf den kryptischen Namen HIR2 (wer sich so etwas ausdenkt), kosten in der Werkstatt das Stück knapp 50€ (im Netz die Hälfte) und halten dafür aber auch eine gefühlte Ewigkeit. Aber auch die geht irgendwann mal vorüber, weil eben nur gefühlt – gut 6 Jahre ist schon stramm für so ein Birnchen, immerhin. Nachdem ich mich über den Fuffi letztes Jahr auf der rechten Seite geärgert habe, besorgte ich mir für den gleichen Kurs direkt zwei im Netz und fuhr sie fortan spazieren, wohl wissend, verreckt die eine, ist die andere auch bald dran.

Bald war dieser Tage – das wechseln war kein Thema, ist sogar leichter geworden, kein Gefrickel wie früher. Gut zugänglich ist auch alles (es gibt Autos, da darf man für solche Zwecke ein Rad demontieren und Verkleidungen entfernen), allein leuchten wollte das Ding nach erfolgreichen Einbau nicht. Kann nur die Sicherung sein, meint der für Technik zuständige Teil meines Gehirns dazu. Wo hat dieses Auto denn Sicherungen?? Dem Netz ist keine Frage zu blöd, auf dass sie nicht schon von wem anders gestellt wurde und siehe, da sind sie ja. Deckel runtergemurkst und eine Liste mit Positionsnummern nach Zuständigkeit findet sich auch im Netz 🙏  – das entsprechende Teil mit der dafür vorgesehenen und als „Bordwerkzeug“ mitgelieferten Zange herausgepflückt und sehenden Auges als defekt eingeordnet.

Soweit, so gut. Ersatz muss her, ich fahre zur Haus- und Hofwerkstatt. Betriebsferien, na toll. Ham se sich verdient. Ab zur Steinbecker Meile, hier konzentriert sich sich einiges. Zuerst der Obi, ich suche mir ne Naht ab, finde eine kleine Kiste mit Sachen, die kunstvoll zugklebt ist, aber dem Aufdruck nach 10A-Sicherungen enthalten soll. Tut sie auch, wie ich draußen am Auto feststelle, nur drei Nummern größer als erforderlich. Wieder rein, Fehlkauf und so, Geld zurück. Nebenan ist ein Opel-Dealer, ja die sollten doch … nee, müssen wir bestellen. Häh? Vielen Dank, Tschüss. Unten am Arrenberg war doch mal son winziger Kfz-Teileladen, vielleicht da? Ich lasse den Wagen stehen und latsche da runter, um festzustellen, hat geschlossen. Langsam freunde ich mich mit dem Gedanken an, durch die halbe Stadt fahren zu müssen, der Vertragshänder sollte helfen können. So weit kam es dann Gott sei Dank doch nicht, der freundliche Koreaner am Weg hatte die Dinger tatsächlich vorrätig. 2 Euro, meint der, ich gebe vier und bedanke mich aufrichtig. Was lange währt … in Kürze habe ich auch von diesen Dingern einen kleinen Vorrat an Bord.

Auf dass die Lampe brennt …

Drabble – drei Worte für Dienstag, den 11.7.2023

Die Regeln: 100 Wörter, 3 davon sind die Gewürfelten, Überschriften zählen nicht mit. Beugen geht, ebenso wie Mehrzahl und zusammengesetzte Begriffe. Synonyme gehen nicht. Einen Preis gibt es auch nicht, der Lohn ist das entkrampfen der Hirnwindungen nach vollbrachter Tat. Verlinkungen unter diesem Beitrag erleichtern die Übersicht. Neu – das „Wort-würfeln“ findet ab nun analog statt. Blind drei Wörter aus einem Buch gepickt. Was dem Finger am nächsten kommt …

Quelle heute:
Robert Seethaler
Das Cafe ohne Namen

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Wortzähler – hier

Dienstag, 230704

Die Nacht war unruhig und die Träume wirr. Wer hat denn schon mal einen Tiger in der Wohnung? Wäre beinahe gut gegangen. Wach werden mit Harnstau bis obenan, den Vollmond und alles andere gleich mit verfluchend den Tag beginnen. Währenddessen scheint der Tiger der Nacht auf erträgliche Maße geschrumpft und schleicht mir um die Beine, bevor er sich in dem von mir gerade frisch zusammengefegten Dreck wälzt. Da ist also Hoffnung für den Tag und Luft nach oben.

Meine Mitfahrerin steigt zu, ich staune wieder einmal über ihr Outfit. Sie sieht oft aus wie auf dem Weg zu einer angenehmen Gesellschaft, dabei haben wir das gleiche Ziel. Ihr erstes Statement über das Leben provoziert einen Lachanfall meinerseits, und das muss man mit mir erst mal hinkriegen, morgens um halb Sechs. Arbeit, Arbeit, Arbeit, meint sie. Auch Samstag, immer nur Arbeit – und manchmal ein bischen Sex, fügt sie hinzu, auf dass ich beinahe ins Lenkrad beiße. Auch im weiteren Verlauf der kleinen Reise bin ich schwer von Begriff und leicht zu erheitern. Sie braucht Klamotten für die Hochzeit ihres Ältesten demnächst und will am Wochenende nach Dochtemunt, was ich in meiner frühmorgentlichen geistigen Trägheit nicht eingeordnet bekomme, drei mal nachfrage, bis sie wütend sagt, Na, Dochtemunt! Endlich fällt der Groschen und analog erhellt sich die Stimmung weiter.

Manche Menschen sind gesegnet und selbst ein Segen, morgens um halb Sechs.

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Drabble – Dienstag, der 4.7.2023

Die Regeln: 100 Wörter, 3 davon sind die Gewürfelten, Überschriften zählen nicht mit. Beugen geht, ebenso wie Mehrzahl und zusammengesetzte Begriffe. Synonyme gehen nicht. Einen Preis gibt es auch nicht, der Lohn ist das entkrampfen der Hirnwindungen nach vollbrachter Tat. Neu – das „Wort-würfeln“ findet ab nun analog statt. Blind drei Wörter aus einem Buch gepickt. Was dem Finger am nächsten kommt …

Quelle heute:
Anthony Burgess
Clockwork Orange

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Wie im falschen Film

Etwas solides sollte es sein, nach dem letzten Drama. Schön mütterlich-bodenständig mit großen Brüsten, nach Möglichkeit. Und dann so etwas – sie war die Inkarnation von allem, was ihm vertraut war. So richtig klar wurde das neulich beim prickelnden elterlichen Sonntags-Kaffee. Wie sie da saßen und so etwas wie eine Front bildeten. Wie du auschaust, deine Haare, Klamotten, Auftreten, Wortwahl, und der Musikgeschmack erst mal, – alles Scheiße, nett umschrieben. Die Ärzte sprechen ein Grußwort durch die versammelte Dreieinigkeit, nur ist der Angesprochene bereits Ende Vierzig.

Danke, Herr, denkt es in ihm. Wenn das alles sein soll – Spaghetti kann ich selbst kochen.

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Wortzähler – hier

Sonntag, 230702

PSA macht Sinn, die so genannte persönliche Schutzausrüstung. Jeder zertifizierte Betrieb kennt das, nur im privaten Bereich sieht das leider oft anders aus. Warum sollte ich auch ein Haarnetz tragen, um zu verhindern, dass anderen die Speise „verhaart“ wird. Ist ja nicht die meine.

Oder mal Klartext – darf ich ungebremst und unkontrolliert meine eigenen Abgründe auf die Menschheit loslassen? Klar darf ich das – wenn ich die Antwort des Universums ab kann. Wenn ich es aus moralischer Einsicht unterlasse oder schlicht aus Angst vor den potentiellen Folgen unterdrücke – was geschieht dann mit den dürftig vom Haarnetz zusammengehaltenen „Auswüchsen“? Transformieren sie sich von allein? Mag sein, sie ändern die Erscheinungsform, im Sinne des Wortes. Macht es auch irgendwie nicht besser.

Transzendenz – also das Auflösen – gefällt mir besser. Da, wo es möglich ist. Aber wie … mir ist dabei mein Glaube und die tägliche Übung hilfreich. Ohne Anspruch auf Perfektion. Ein zähes, langwieriges Ding alles in allem, eine Lebensaufgabe. Und ja, manchmal gestatte ich mir auch sehr bewusst, aus meinem Herzen keine Mördergrube zu machen und mein Innenleben frei drehen zu lassen. Muss es ja nicht kultivieren, sprich den Wolf nicht füttern.

Sehr geiles Bild, wie ich finde 🙂

Passt so am Rande – Der letzte Traum war auszusieben – Sinnsuche und so.