Neulich, im Maisfeld

Inspiriert von Sweetkoffie`s Besuch an selben Ort haben die Liebste und ich heute den letzten gemeinsamen freien Tag dazu genutzt, uns dort ebenfalls mal umzuschauen. Das Labyrinth ist Teil des Hielscher Hofes, mit einer Menge Tieren, Hofladen sowie ein Restaurant.

Flauschige Gesellen, sehr sympathisch.

Was soll ich sagen, mein Orientierungssinn ist unterirdisch ausgeprägt, darum waren mir Labyrinthe immer schon suspekt, legen sie doch solcher Art Defizite gnadenlos offen. Rückblickend kann ich kaum glauben, dass ich bis 2009, als die eineinhalbjährige Pendelei von und nach Berlin begann, nur nach Karte Auto gefahren bin. Angekommen bin ich eigentlich immer, aber wie …

Also machen wir uns auf, die Vorgabe lautet, 9 Schilder zu finden und passende Fragen dazu beantworten, was nur mit Hilfe des Gelesenen geht. Alles so Themen aus der Natur, schon interessant, hat man alles erfolgreich bewerkstelligt, kann man an einem Preisausschreiben teilnehmen und eine Schachtel Eier, Korb mit Zeug oder sonstwas gewinnen. Wohlan…

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Es ist sehr warm, und schon nach kurzer Zeit wird klar, es ist, wie erwartet, nicht ganz so leicht, sich zurechtzufinden. Irgendwie wie früher, beim kiffen, alles grün und keinen Plan.

Mais ist ein seltsames Gewächs, mit Frisur wie die seligen Punks, und Füße dran, die erwarten lassen, verfolgt und ergriffen zu werden. Die Assoziation kann allerdings auch mit meiner derzeitigen Lektüre zusammenhängen, da bitte ich um Nachsicht.

Und los geht der Irrweg. Wir laufen auf`s Geratewohl hinein. Drehen Ehrenrunden, finden so nach und nach einige Schilder mit besagten Fragen. Die erste Stunde ist es noch ganz nett, dann, so langsam, sticht die Sonne und es wird arg warm. Die Ausblicke entschädigen zunächst …

Später dann – mittlerweile haben wir, wie Hänsel und Gretel im Wald umher irrend – 8 von 9 Schilder aufgetrieben und fein die Karte ausgefüllt. Nur Schild Nummer 3 ist unauffindbar. Eine Menge dummes Zeug geht mir beim umherlatschen auf dem staubigen, heißen Grund durch den Kopf… feine Hänsel und Gretel gäben wir ab, nach Tagen vergeblichen Umherirrens müssten wir erst einmal kräftig gemästet werden, um den kulinarischen Vorstellungen der ollen Hexe gerecht zu werden, ausgezehrt, wie man uns finden könnte. Weiter fällt mir ein Bett im (Mais-)Kornfeld und irgendwas mit Popkorn ein, was der Orientierung auch nicht gerade förderlich ist.

Irgendwo am Himmel kreisen ein paar Vögel, aha, denke ich, die Geier warten schon. Fernab bellt ein Hund … Leichenspürhund, geht mir durch den Kopf. So verdienen die also ihr Geld hier. Schicken nach Tagen die Töle in`s Feld, menschliche Überreste finden und mit erstandenen Kreditkarten die Hofkasse aufbessern. Schild Nummer 3 bleibt derweil unauffindbar.

Allmählich komme ich zu der Überzeugung, hier wird Gaslighting der übelsten Art betrieben, um uns so langsam in den Irrsinn zu treiben. Schild Nummer 3 ist bewusst entfernt worden oder wenigsten fahrlässig gestohlen, um uns Besucher kirre zu machen. Dafür haben sie andere Schilder doppelt, drei- oder sogar vierfach aufgestellt, so oft, wie wir sie finden. Von weiter weg dringt Gelächter zu uns, ja, lacht ihr nur, gerade frisch angekommen wohl. Das legt sich mit der Zeit. Pinkeln muss ich auch, was ich mir tunlichst verkneife, wäre zwar nicht zu sehen, aber mit Sicherheit zu hören, beim schiffen in die Botanik. Auch, wenn`s vielleicht eine kleine Orientierungshilfe wäre…

Und solcher Art demoralisiert verlassen wir nach ca. zwei Stunden den Ort der Verwirrung auf rechtem Wege und entschädigen uns erst einmal mit leckeren Essen, nebenan, im Restaurant, was Lebensgeister und Zuversicht wieder zurück bringt. Dann eben kein Korb mit Zeug oder sonstwas, war trotzdem ein guter Tag.

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Gut zu Fuß

Seit einigen Tagen habe ich so eine Schrittzähler-App auf meinem Phon. Eigentlich überflüssig, aber schon interessant, was da so am Tag zusammen kommt. Meist habe ich das Ding ja bei mir. Nebenan die Jane hat das mit einem Tamagotchi verglichen, dieses imaginäre Wesen aus den unseligen 90ern, welches ständig versorgt werden wollte. Hat etwas, der Vergleich …

Und so drehe ich digital kontrolliert meine Runden, gestern Abend kamen gut 7000 Schritte zusammen, heute nur knapp weniger. Na toll. Aber immerhin – so komme ich an die Luft – hier gestern Abend über die menschenleere Nordbahntrasse – schon ein merkwürdiges Gefühl.

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Beim gehen lasse ich Gedanken und Gefühle kommen und wieder ziehen, bin allein, ohne mich einsam zu fühlen. Nur wenige Geräusche sind schwach zu vernehmen, irgendwo leise Stimmen, entfernt Autos, hier und da irritierte Vögel, die angesichts der milden Temperaturen ihren Kalender vorgestellt haben. Es ist anders als beim radfahren, kein Fahrtwind in den Ohren und alles geht bedeutend langsamer.

Heute Nachmittag dann folgt eine weitere Runde, herunter vom Berg in die Stadt. Eine Weile sitze ich still in St. Laurentius, die Welt ist zumindest akustisch komplett ausgesperrt.

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Beim verlassen der Kirche fällt mir eine Doku aus der Mediathek ein, Thema die steigenden Meeresspiegel. Und da sonst gerade in meinem Kopf nichts weiter los ist, stelle ich mir vor, wie das wohl hier ausschaut, wenn das Tal der Wupper einst zum Fjord wird, Venedig light irgendwie. An den Türmen von St. Laurenz können dann Schiffe festgemacht werden, der Ölberg wird zur Landzunge mit Seeblick, anstelle der Tauben scheißen dann Heerscharen von Möwen alles voll. Überall werden geführte Tauchgänge in das versunkene Beinahe-Atlantis angeboten, Kinder sammeln Seesterne am Ufer, weiße Segelboote werden von Frachtkähnen angetutet, ich könnte Sonntags fein Kahn fahren gehen und unsere alte Burg wäre vermutlich auch wieder voll vermietet, angesichts der abgesoffenen Niederungen. Wie schon gesagt, sonst gerade keiner zuhause, in meinem Kopf. Vorerst jedenfalls lassen zumindest hier die Fluten noch auf sich warten, was sich da anderenorts tut, ist schon schlimm genug

Die nächste Station ist die Hardt – erste Frühlingsboten sind zu sehen, es sind lauschige 15 Grad, bei kräftigen Windböen, die mich auf andere Gedanken bringen. Verkehrte Welt im Februar …