Samstag, 201121

Nachgespürt und festgestellt, die Lauten sind vor allem eines – laut eben. Nicht zwangsläufig zahlreich. Für mich stelle ich fest: Lange halte ich an Menschen fest, gebe so schnell niemanden auf, weil auch ich immer wieder auf Menschen gestoßen bin, die mich nicht aufgaben. Allerdings ändert sich da gerade etwas, in mir. So bin ich nicht mehr bereit, mit Menschen zu diskutieren, die unseren Staat als Diktatur verunglimpfen, die nach Freiheit und Menschenrechten schreien und denen zujubeln, die, sind sie erst einmal an den Trögen, genau das am allerwenigsten möchten.

Alles nichts Neues. Geschichte wiederholt sich gerade, mit den Mitteln dieser Zeit. Unsinn, krudes Zeug, aus dem Kontext gerissene Halbwahrheiten, freche Lügen und Sündenbockmentalitäten verbreiten sich rasend schnell und fallen vor allem dort auf fruchtbaren Boden, wo mangelnde menschliche Reife mit persönlichen Einschränkungen und existenziellen Nöten zusammenfallen. Natürlich ist Kritik oft berechtigt und muss auch Gehör finden, so vieles wirkt überzogen und riecht nach flügelschlagenden Aktivismus, aber wer daraus das Recht ableitet, diesen unseren Staat als ganzes in Frage stellen zu dürfen, braucht sich nicht wundern, wenn er auf massive Ablehnung stößt. Selbst finde ich diesen Staat verbesserungswürdig, aber ich kenne keine freiere, humanere Gesellschaftsform. Das widerspricht sich übrigens nicht mit meiner Affirmation zur Anarchie und meiner Ablehnung sämtlicher Autoritäten, auch wenn das schwer verständlich scheint. Anarchie setzt Empathie voraus, sonst mündet sie im rechtlosen Chaos. In jungen Jahren habe ich mich empört, warum es hierzulande nicht möglich ist, über weitreichende Entscheidungen via Volksentscheid abzustimmen, wie eben in der Schweiz üblich. Je mehr ich das „Volk“ und seine leichte Manipulierbarkeit kennen lerne, um so mehr beunruhigt mich der Gedanke, wirklich jeden über alles mitbestimmen zu lassen. Eigentlich sehr schade, das.

Es singt der Chor der Blöden, der schon immer war zu laut. Auch, wenn Marius das damals in einem anderen Zusammenhang meinte.

Manche Wortgebilde …

…sind es wert, mal hervorgehoben und schriftlich gewürdigt zu werden. So etwas hier zum Beispiel:

„Normverdeutlichende Ansprache“

(Falko Liecke, Bezirksstadtrat Berlin/Neukölln, im Zusammenhang mit der manchmal etwas schwierigen Überwachung von Quarantäne-Maßnahmen)

Boah, denke ich, mit leichter Begeisterung. Das macht ja was mit mir. Klingt wichtig, würdig, ernst und bei entsprechender Missachtung Maßnahmen provozierend, Waldpredigt light, Marsch blasen 2.0, sehr deutsch irgendwie. Der Traditionalist in mir jubelt – ja genau, jetzt mal laut und deutlich, wie das hier so zu laufen hat – der Anarchist mit seinem ausgeprägten Autoritätsproblem hingegen denkt genau in die andere Richtung – welche Norm, was glaubt der, wer er ist – jedenfalls freuen sich beide Persönlichkeitsanteile meiner gespaltenen Seele über die gute Wortwahl des Herrn Liecke.

Eine andere Wortschöpfung, nicht erst seit der Finanzkrise bekannt:

„Systemrelevanz“

Das hat sogar Nachwuchs bekommen, in Form der

„System-relevanten Berufe“

Das klingt für mich nach Selektion, nach wertem und weniger wertem Leben Tagewerk. Wer macht Sinn und wer eher nicht. Eine Betrachtung, die völlig außer acht lässt, dass alle demzufolge nicht-System-relevanten Tätigkeiten es durch ihre Steuer- und Sozialabgaben erst ermöglichen, dass die so genannten System-relevanten ihren Job machen können. Von der Gleichheit vor dem Herrn mal ganz abgesehen. Eine Begrifflichkeit, die ein flaues Gefühl im Magen weckt…

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