Samstag, 221001

Trübes Wetter mit trüber Stimmung. Vater seit Donnerstag gesichert mit Corona infiziert, die Mutter, die ihn am Mittwoch noch besucht hat, natürlich auch. Was eine heutige Treppenhaus-Visite nach sich zieht, was raus soll, wird bereits dort stehen, was rein soll, wird dort abgelegt sein.

Entscheidungen stehen an, früher oder später. So stehe ich in täglichen Kontakt mit Vaters Station, hatte gestern ein sehr offenes Gespräch mit einer Schwester dort. Vater ist derzeit ansprechbar, aber sehr schwach, isst kaum noch. Was tun, wenn Vater Atemnot und/oder Fieber bekommt, also einen Zustand erreicht, dessen Bewältigung das Altenheim nicht mehr gewährleisten kann? Es gibt dann genau zwei Möglichkeiten, Krankenhaus oder das Palliativ-Zimmer im Heim unter Gabe von Morphinen und Betreuung eines Palliativ-Mediziners.

Mein Vater ist in seinem 89sten Lebensjahr und hat zahllose Krankenhausaufenthalte hinter sich. Bei meinem letzten Besuch Donnerstag vor einer Woche wirkte er auf mich relativ klar, mit seinem Wunsch, gehen zu dürfen. Ich weiß nur nicht, wie, sagte er. Du wirst abgeholt, antwortete ich ihm. Es ist nur ein Übergang, der Tod ist nicht das Ende. Du wirst auch erwartet werden, von denen, die dir voraus gegangen sind, und wirst Ruhe finden dürfen.Du spricht wie ein alter, weiser Mann, meint Vater grinsend.

Mit Mutter bin ich mir einig, dass Vater ein weiterer Krankenhaus-Aufenthalt erspart bleiben soll.

Trauer schleicht sich an, so durch die Hintertür.
Ich lasse sie gewähren.

*

Ablenkung darf auch sein.

Ich mag solche Darstellungen. Illusionäre Vortäuschung von NICHTS nur durch seine Umgrenzungsgeometrie. Mir fallen zahllose gesellschaftliche Parallelen im Alltag dazu ein. Die Politik kann sich dessen meisterlich bedienen, wenn sie nicht gerade mit handfester Krisenbewältigung beschäftigt ist, sein muss. Religionen sind auch gut darin.

Für mich – ein Sinnbild sämtlicher Konstrukte menschlicher Vorstellungskraft, gerade dort, wo der Verstand an massive Grenzen stößt. Die Umgrenzungsgeometrien versinnbildlichen unsere äußeren Lebensumstände, den sichtbaren Teil unserer Existenz. Also den Teil, mit dem wir uns so gerne identifizieren und uns aneinander messen. So wird ein Scheinbild aufgebaut, das zugleich den Ausweg oder die Lösung in sich trägt – wenn man bedenkt, dass das Scheinbild und der Hintergrund dieselbe Farbe haben, verschmelzen Schein und Sein wieder zu einem Ganzen, allen Begrenzungen zum Trotz.

*

31 Gedanken zu “Samstag, 221001

  1. Ich wünsche Dir und Euch viel Kraft für diese schwere Zeit. Du hast die passenden Worte gefunden und nimmst den Wunsch Deines Vaters, gehen zu dürfen, ernst. Mehr kannst Du nicht tun.
    Wir haben es bei meinen Eltern und bei meinem Mann ähnlich gemacht und es war richtig. Liebe Grüße und meine Gedanken sind bei Dir! Regine

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  2. Auch das Gehen lassen sowie das Gehen können sind eine Kunst. Aus deinen Zeilen lese ich, dass ihr drei übereinstimmend auf einem guten Weg seid. Palliativ „nur“ Schmerzen und Angst nehmen ist meiner Meinung nach solch ein guter Weg. Sowohl meine Mutter als auch SchwieMu sind ihn gegangen. In Ruhe und Würde.
    🙏

    Gefällt 2 Personen

      1. Es sind in dem Moment meine Entscheidungen, aber ich kann sie zwar schweren Herzens, aber guten Gewissens fällen, Dank des Austausches mit meinem Vater – und natürlich auch mit meiner Mutter.

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  3. Lieber Reiner,
    Eure Situation ist sehr schmerzvoll und ich bin froh, dass Du in der Lage bist, Dir Deine Gefühle von der Seele zu schreiben – dies ist nicht jedem Menschen gegeben. Ich glaube, es verschafft zumindest in diesen Minuten des Schreibens die nötige Distanz, um wieder klar sehen zu können.

    Du bist ein äußerst respektvoller Sohn und gibst Deinem Vater das gute Gefühl, das er jetzt braucht, nämlich, dass er frei sein darf!
    Ich habe das auch einmal für einen Menschen getan, für meine Oma. Ich war ihr sehr zugewandt und habe auch ihre tiefen körperlichen Schmerzen gespürt.
    Immer noch, seit so langer Zeit, höre ich ihr Röcheln, immerhin hinter verschlossenen Türen, aber es war am Gang des Krankenhauses zu vernehmen.
    Bei meinem letzten Besuch habe ich sie mit einem Ritual und mit meinen Worten losgelassen, ihre Augen sind mir gefolgt, bis sie mich nicht mehr sehen konnte.
    Es war unsere letzte Begegnung, dann hat sich der Himmel für sie aufgetan.
    Ich wünsche Euch von Herzen, dass sich der Wunsch Deines Vaters bald erfüllen möge und seine Seele dann befreit ihren Weg antreten darf!
    In tiefem Respekt vor Eurer Situation!
    C Stern

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  4. Dein Bericht rührt sehr an mein Herz. Du bist ein wunderbaren Sohn.
    Also ich vor ein paar Jahren eine Sterbende begleitete, las ich einige Artikel, bei denen ich verstehen konnte, was beim Sterbeprozess alles passiert. Das Einstellen von Essen und Trinken gehört zum Prozess dazu und es sorgt dafür, dass bestimmte Hormone freigesetzt werden, die Körper und Geist beruhigen.
    Die Pflegerinnen gaben mir noch ein paar Hinweise, wie ich der Sterbenden Erleichterung verschaffen könne und es ging ziemlich friedlich zu.
    Meine Gedanken sind bei dir und deiner Familie 🌹
    liebe Grüße
    Sabine

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  5. Du hast meine volle Achtung in dem steten Bemühen, den besten Weg für deine Eltern zu finden. Die Verantwortung wiegt umso schwerer, wenn man sie mangels Geschwistern nicht teilen kann, das stelle ich jedenfalls immer wieder fest. Der Austausch mit Mann und Kindern ist zwar auch hilfreich, aber die Entscheidungen trifft man ja dennoch allein.
    Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft für den Rest des Weges und dass du dich nicht verlierst auf diesem.

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