Drabble-Dienstag, 220809

Erst wollte mir rein gar nichts einfallen. Bild gespeichert, Klappe zu. Dann ein Spaziergang in der Nordstadt, und siehe da, es geht eben nichts über eine glückliche, erfüllte Kindheit in den 70ern 🙂 Hier im Quellbeitrag kann man in den Kommentaren via Links die Ergüsse meiner Mitstreiter lesen 🙂

Schiff – Masken – Flammen
100 Wörter
Und los.

Patschehändchen – so nannte ich ihn im Stillen, nur für mich. Unseren Mathe-Lehrer in der Fünften und Sechsten, der zugleich für Religion zuständig war. Jeden Samstag zog er mit uns zur Kreuzkirche, unweit der Schule, und saß mit gefalteten Händen sehr fromm vorneweg im Kirchenschiff, andächtig dem Pfarrer lauschend. Ein sehr erstaunlicher Wandel für dieses faschistoide Arschloch, das er im Mathematikunterricht abgab, wenn er alle Masken fallen ließ, pöbelte und mit Gegenständen warf. So wurde aus dem Klassenzimmer ein in Flammen stehender Dom, dank seiner Agitation. „Nichts wird aus dem, stinkend faul ist er“. Elternabend, und Mutter heulte zuhause. Ruhe unsanft!

Da ist sie, im Hintergrund, heute Diakoniekirche.

27 Gedanken zu “Drabble-Dienstag, 220809

  1. Ja, solche Lehrer gibt’s. Leider!!!…kann mich auch an eine Lehrerin erinnern, die mich in frühen Tagen das Fürchten gelehrt hat. Heute denke ich, mit der seelischen Wüste die sie wohl in sich getragen hat möchte ich nicht einen Tag tauschen…hab einen schönen Tag, lieber Reiner 😊🙋‍♀️

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    1. Zumindest solche Alt-Nazis sind fort, der hat es irgendwie geschafft, in der jungen BRD wieder als Lehrer eingesetzt zu werden, wie so viele andere auch, mangles Alternativen. Leider haben sie auch Nachwuchs kreiert, die 70er waren zwar recht lose und die meisten jungen Lehrer weltoffen, aber bei einigen ging das auf. Schlimmer finde ich es mit Richtern und Staatsanwälten, die oft genug Ziehkinder von Alt-Nationalsozialisten sind.

      Von der so genannten schwarzen Pädagogik mal ganz zu schweigen. Mich hat dieser Lehrer bestätigt, dumm wie Brot zu sein, verbunden mit einer Menge Scham. Rückblickend würde dieses Arschloch im Grab noch jubeln, sprang ich doch in Folge dieses Elternabends von einer satten 5 auf eine 2. Was so etwas sonst noch für Auswirkungen hatte – unter anderen 22 Jahre Alkohol- und Drogenmissbrauch, meine natürlich letztendlich erfolglose „Therapie“. Prinzip Scham und Angst. Oft habe ich darüber nachgedacht, was wohl anders gelaufen wäre, wenn ich nichts genommen hätte. Die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, dass ich mich umgebracht hätte. Der beschriebene Mathelehrer war nur ein kleines Teil in dem stinkenden Puzzle namens Kindheit und Jugend.

      Danke und auch dir einen schönen Tag, liebe Daniela!

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      1. Ich Danke Dir, lieber Reiner, für diese so offenen Worte. Ich gebe zu, ihre Wucht hat mir zunächst fast den Atem verschlagen und ich musste Deine Zeilen zunächst etwas auf mich wirken lassen. 22 Jahre Sucht sind eine unfassbar lange Zeit, ein unglaublicher Verlust und für das „Innere Kind“ , das in uns allen lebt eine kaum zu ertragende Bürde. Ja, was wäre gewesen, wenn Du die Sucht nicht als vermeintlichen „Ausweg“ gewählt hättest. Deine Kindheit eine andere gewesen wäre. Dann gebe es heute den Erwachsenen nicht, der gelernt hat dieses Kind schützend und liebevoll in den Arm zu nehmen und der gerade aufgrund des erlittenen Schmerzes eine Gabe der ganz besonderen Art erhalten hat. Die Fähigkeit ganz tief auf den Grund zu sehen, hinter jeder noch so grauenhaften Tat das verwundete Herz eines Menschen zu erkennen. Ja,unsere schreckliche, im Kollektiv erlebte Geschichte , zieht noch immer weite Kreise und in der Tat auch in unserem Rechtssystem…was wiederum weiteren Schrecken nach sich zieht. Gerade deshalb braucht unsere Gesellschaft Menschen, die bis auf den Grund blicken können. Um alte, verkrustete Strukturen aufzulösen, Wunden ( auch gesellschaftlich) heilen zu lassen. Ich schicke Dir ganz liebe Grüße und wünsche Dir einen schönen Tag, inmitten des „Hier und Jetzt“ , bis ganz bald Daniela, die sehr viel Verbundenheit spürt an dieser Stelle

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    1. Stimmt. Wobei ich bei näherer Betrachtung nicht mehr an solche „Engel“ glaube! Später habe ich mehrere solcher „Heiligen“ kennengelernt, gerade aus dem Bereich der Freikirchen. Bete und arbeite. Kann ich im Prinzip zustimmen, wären da nicht sonstige Widersprüche gewesen. Der Vater eines Jugendfreundes saß dito jeden Sonntag mit seinem Weib brav in der Kirche. Daheim verdrosch er seine 4 Kinder, eines trieb er in den Suizid. Mir hat er kurzzeitig als Arbeitgeber in ganz jungen Jahren Ehrgeiz gelehrt, dito durch Scham. Und so wurde ich fleißig, erfolgreich – und abhängig von leckeren Sachen. Auch er war nur ein kleines Puzzleteil … ja, gruselig.

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  2. Ich hatte auch solche! „Regine könnte, wenn sie wollte, aber sie will ja nicht“ sagten sie und alles andere war ihnen egal. Ein Schlüsselbund oder Kreide flogen oft dicht an unseren Köpfen vorbei und die Gesangbücher wurden aufgeschlagen. Klassenfestverbot und heulend am Schreibtisch einsam Vokabeln üben…..ach je, der Schrecken ist vorbei und jetzt will ich nicht mehr daran denken. Auch nicht daran, dass meine Kinder oft auch so unter Druck standen und ich ihnen nicht wirklich half.
    Und mir fällt gerade ein, dass wir unseren Frust an Lehrern und Lehrerinnen ausließen, die freundlicher waren, sich aber nicht durchsetzen konnten. Wir waren recht grausam…

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    1. Ach liebe Regine – du hast ja noch 10 Jahre „Vorsprung“ und noch viele dieser Altnationalsozialisten erleben müssen. Nach außen „funktionierte“ ich, sogar mit beruflichen Erfolg, aber innen drin blieb ich davon überzeugt, „nichts zu taugen“, gleich, wie mein Leben auch gerade lief. Wenn was daneben ging, war es eine Bestätigung, ging es gut, purer Glückstreffer. Blindes Huhn und so, kennt man. Ich genügte nie, vor mir selbst.

      Rückblickend das Größte, was ich gelebt habe – meinen kleinen Sohn damals in den Arm zu nehmen und ihm aus vollen Herzen zu versichern, er ist und bleibt immer der, der er ist, losgelöst von dem, was man Erfolg oder Versagen nennt. Dazu musste ich das aber erst mal selbst glauben lernen.

      Freundliche Lehrer – wir waren dito ein Saustall, irgendo musste der Druck auch hin. Einen hatten wir, der wusste, wie es geht. Sportlehrer, der er war. Bio machte der auch und wenn in der klasse Punk war, nahm der sich schweigend sein schweres Lehrerpult, hob es locker einen halben Meter hoch und ließ es dann fallen. Was folgte, war ehrfurchtsvolle Stille, wir waren schwer beeindruckt von der Vorstellung 🙂

      Liebe Grüße dir!

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      1. Ja, ähnliche Erfahrungen habe ich auch gemacht. Ein Lehrer, frisch von der Uni, in Deutsch und Musik. Der wusste von Anfang an, wie er mit uns Mädels (reine Mädchenschule!) umgehen musste. Er wohnte gleich neben der Schule und er verschlief gerne. Den weckten wir dann und holten ihn zum Unterricht. Ach ja, an den denke ich gerne.
        Ich kann alles so für mich so unterschreiben, wie Du den Gedanken, ich genüge nicht, beschrieben hast. Aber wir bleiben so lange am Ball, bis wir verstehen, wie wertvoll wir sind, oder?
        Bei meinen Kindern wollte ich es auch ganz anders machen. Sie sollten so sein, wie sie sind unabhängig von „Erfolgen“. Ist uns nicht so ganz gelungen. Aus alten Generationen-Mustern herauszukommen ist eben nicht so leicht. Aber wenn ich meine Söhne heute so anschaue, denke ich oft, es muss auch viel Gutes und Liebevolles in ihrem Leben gegeben haben.
        Und schreckliche Lehrer*innen hatten auch beide.

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  3. Solche Lehrer hatte ich auch noch. Es war die Minderheit unter vielen anderen, besseren Lehrern, trotzdem haben sie viel angerichtet. Ich habe mich irgendwann sehr dagegengestellt. unglaublich, wieviel verblendete Ignoranz da zutage kam.
    Bedauerlich, welche Folgen das alles für dich nach sich gezogen hat. Umso besser, dass du heute mit klarerem Blick darauf zurück sehen kannst. Alles gute dir! 😃

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  4. So ähnliche Erfahrungen hatte ich in den ersten zwei Schuljahren gemacht. Die Lehrerin war danach nicht mehr da … mir jedoch blieb die Angst vor der Schule noch eine Weile erhalten.
    Ich hatte beim Lesen deines Textes ein ungutes Gefühl 😳
    Das heißt, er ist gut geschrieben 😊
    Liebe Grüße
    Sabine

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  5. Solche Exemplare hatte ich auch. Zuerst in der Grundschule die Klassenlehrerin, die stets ein vermeintlich gutes neben ein vermeintlich schlechtes setzte und verlangte, dass die guten den Sitznachbarn bei jedem Fehler eine Kopfnuss gaben. Peter hieß meiner, der hatte nur Angst. Hab ich empört abgelehnt und meinem Vater erzählt, der umgehend in die Schule marschierte. Es endete zwar, jedoch nicht ohne dass sie vor der Klasse meinte, ich sei die größte Enttäuschung ihrer Schullaufbahn.
    Auf dem Gymnasium waren es der Mathelehrer, der permanent die Jungen erniedrigte und Mädchen gar nicht erst drannahm, weil sie keine Mathematik verstünden, der Geschichtslehrer, der uns mit Hitler-Reden auf Vinyl quälte und seine Bewunderung nicht verbarg – sehr gewalttätig zu den Jungen.

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      1. Allerdings haben wir ihn ausgelacht statt zu lamentieren. Uns war bewusst, wie Mädchen von den Alten gesehen wurden – schließlich mussten einige noch darum kämpfen, aufs Gymnasium gehen zu dürfen – und wir wollten uns beweisen. Vielleicht ein Unterschied zu heute.
        Die Brutalitäten wurden besonders den Jungs zuteil, was kaum zu ertragen war. Man konnte die Zerstörung förmlich sehen. Aber wir hatten auch fantastische Lehrer.

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      2. So ein Arschloch.
        Ja – auch ich hatte andere Lehrer. Die Regel-Schulzeit war der Horror, von der Grundschule mal abgesehen. Das änderte sich in der 3-jährigen Lehre, in der Berufschule. Und nochmal 3 Jahre später im 4-jährigen Technikum. Dort gab es meist wohlwollende Lehrer, die uns förderten, wo es ging, von Ausnahmen mal abgesehen. Sie hatten großen Respekt vor solchen Freaks wie wir waren, 8 Stunden Arbeit und dann Abendschule…manche bauten „nebenbei“ noch Häuser und zeugten Kinder 😉

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