Donnerstag, 220707

Vater – wieder im Krankenhaus

Vergangenen Freitag entließen sie ihn nachhause. Drei Nächte hat er mit schwerer Atemnot und Unruhe meine Mutter in Atem gehalten, am Dienstag gegen 11 dann bekam ich den Anruf meiner Mutter, der Hausarzt weigere sich, zu kommen, dafür gäbe es eine Einweisung, abzuholen bis 12 Uhr in der Praxis.

Es dauert eine Weile, bis ich aus der Stadt heraus bin und so wird es knapp. Dort angekommen, stehen geschätzt 10 Patienten, vorwiegend ältere Damen auf der Treppe zur Praxis im ersten Stock. Ich drängle mich vor und ernte die ersten bösen Kommentare. Zänkische alte Weiber sind mir gerade mehr als unpassend, ich werfe ihnen giftige Blicke zu, um dann die Praxis zu betreten. Folgt mir eine und keift was von hinten anstellen. Zur Antwort bölke ich sie an, sie möge schweigen, jetzt sei ich dran. Mir ist nicht nach sozialer Verträglichkeit und ich bekomme das Gewünschte, das griffbereit unterm Tresen liegt.

Bei meiner Mutter telefoniere ich mit den Johannitern, die einen RTW organisieren. Mit Vater kann ich kaum reden, er ist so gut wie taub und versteht auch nicht, wo es hin geht. Den einzigen Satz, den ich halb verstehe, ist, schlechter könne es ihm nicht gehen, dann sei er tot … Die Sanis kommen und ich zeigen ihnen die letzten beiden Entlassungsberichte, worauf eine kurze Unterhaltung über Unterbringung folgt. Sie sind gut ausgerüstet und holen einen Stuhl, auf dem sie Vater mitnehmen, samt Tasche und Mappe mit den letzten Papieren. Es folgt ein intensives Gespräch mit Mutter, es ist ihr nun bewusst, das Vater nicht mehr nach Hause kann.

Wieder zuhause ruhe ich mich erst mal aus, bevor ich einen Telefon-Marathon mit der Klinik starte. Ich erreiche egal weg niemanden, von der Zentrale mal abgesehen, nach endlosen Versuchen. Dort erfahre ich immerhin, dass Vater noch in der Notaufnahme sei. Anders als beim letzten Mal hat er alles dabei, was er braucht und zu ihm komme ich eh nicht, telefonisch ist dort niemand zu erreichen, kein Wunder, wer die Verhältnisse dort kennt, weiß warum. Ich grabe auf der Website der Klinik und finde ein Patientenservicecenter, früher nannte man das Sozialdienst. Namentlich genannt wird eine Dame samt Telefon, Mail- und Faxadresse. Natürlich geht keiner ans Telefon, ist auch schon später. Mails kommen wahrscheinlich Tausende und werden vermutlich kaum gelesen, zumal sie über ein eingebettetes Kontaktformular laufen. Wieder mal bin ich froh, mir vor einiger Zeit eine Fax-Möglichkeit eingerichtet zu haben und schreibe ihr auf diesem Wege eine sachliche Zusammenfassung des Status Quo der letzten knapp 3 Jahre und verweise auf die Mappe in seinem Koffer, verbunden mit der Bitte um ein persönliches Gespräch.

Heute früh erreiche ich die Dame über den Umweg einer Kollegin, die durch den Saal brüllt – komma, da is der Sohn vom Fax… Sie hat gelesen, ist sehr freundlich und kooperativ, ich erfahre, dass Vater auf der Intensivstation liegt und bekomme eine Durchwahl dorthin. Hier erfahre ich, dass man Vater sedieren musste, derweil er letzte Nacht die Station auf Trab gehalten habe. Ich kenne ihn, sage das, und vereinbare einen Besuchstermin für heute Nachmittag.

Zuvor war ich schon beim Testen, zu Fuß in der Stadt. Man steht Schlange, hinter mir, als ich dran bin. Die junge Frau mit dem Folterwerkzeug tobt sich in beiden Nasenlöchern aus, es kitzelt. Es kitzelt sehr und ich muss nießen, entferne mich ein paar Meter von der der Gesellschaft Richtung offenem Platz, um dann lautstark dem Juckreiz loszuwerden. Es braucht keine Hellsichtigkeit, um zu wissen, dass der wartende Rest sich nach mir umdreht. Ich schaue zurück und sehe gerade noch, wie ein kleiner rothaariger Junge sich ängstlich hinter seinen Vater versteckt. Freundlich winken und dumm grinsen hilft auch nicht viel, ich mache, dass ich fort komme.

So triviales mag nicht in den Kontext passen, aber gerade jetzt sind es eben solche Dinge, die mich in Form halten, obwohl mir nicht nach scherzen ist. Im Gegenteil.

Intensivstation. Klingeln und warten, zusammen mit noch zwei Kerlen. Der links von mir duzt mich, er redet viel und schätzt mich 15 Jahre jünger, wie sich herausstellt, was ihm peinlich ist und ihn fragen lässt, ob er weiter duzen dürfe. Ja sicher – es ist die Angst, die zerredet werden möchte – ich mag das nicht, dort, weil ich gefasst sein möchte, auf das, was ich zu sehen bekomme, ich zerschreibe die Angst lieber im Nachgang.

Nach einer Weile stehe ich an seinem Bett. Das übliche Equipment, Schläuche, Kabel, Maschinen, Katheder. Zweimal versuche ich ihm ins Ohr zu sprechen, er reagiert kaum, obwohl er mit abklingender Sedierung unruhig ist, seine Augen bleiben geschlossen. 20 Minuten stehe ich dort, während ich seine Hand halte und ihn anschaue. Diesen Mann, dem ich immerhin mein Leben verdanke und der sich nun anschickt, zu gehen. Es fehlen mir an dieser Stelle die Worte, zu beschreiben, was in mir geschieht. Wer je in ähnlicher Lage war, weiß das ohnehin. Was bleibt, ist Fassung bewahren und an Vaters Seite auf den behandelnden Arzt warten.

Der Arzt ist eine junge Ärztin, ich erfahre, dass sie die Papiere samt Verfügung in den Akten haben und erwähne unter Aufbietung des Restes meiner Selbstbeherrschung ein Gespräch mit meinem Vater, in dem wir über die Möglichkeit des Verhungerns gesprochen haben. Keine Sonde, sage ich, steht auch so in den Papieren. Sie bieten ihm manchmal etwas an, getrunken hat er wohl wenig, er bekommt Flüssigkeit durch die Adern. Die Ärztin spricht von möglicher Dehydrierung und einem plötzlichen Demenzschub, sowie davon, das niemand sagen könne, ob Vater da nochmal herauskomme. Man möge sich Gedanken über eine Unterbringung machen. Ja, sage ich, bin im Gespräch mit der Kollegin vom Servicecenter, die ich gerade noch angeschrieben habe, weil ich vergessen habe, der Ärztin zu sagen, sie mögen meinem Vater nach Möglichkeit die Fixierung ersparen und ihn lieber sedieren, auch wenn das seinem Allgemeinzustand nicht förderlich sei.

Morgen geht es weiter. Am Wochenende bringe ich meine Mutter zu ihrem Mann.


Es findet sich und SEIN Wille geschehe.

38 Gedanken zu “Donnerstag, 220707

  1. Mir fehlen die Worte….
    Fühl dich daher in erster Linie ganz fest gedrückt! Desweiteren wünsche ich dir, dass du in der bevorstehenden Phase noch Zeit mit deinem Vater verbringen, in seiner Nähe sein kannst und ihm der Weggang dadurch erleichtert wird. Viel Kraft für dich und deine Mutter…..🙏

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  2. Donnerwetter, ich habe alles gelesen, und weil ich selbst gerade drei Mal in einem Monat notfallmässig ins Krankenhaus musste, sehe ich Deine lebendig geschilderten Dinge der Krankenhaussituation sehr plastisch vor mir, und kann die Sorge, die Widerstände und die Ohnmacht des überforderten Krankenhauspersonals nachspüren.

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  3. Lieber Reiner, ich fühle mit Dir. Ich erinnere mich gerade an die Zeit, als mein Ex-Mann auf der Intensivstation um sein Leben rang. Wir konnten bei ihm sein und die Ärzte und Pflegekräfte nahmen sich auch für uns die Zeit, die wir brauchten und so gelang es ganz gut, die Fassung zu bewahren. Wir fühlten uns gut betreut und beraten, besonders, als meine Söhne entscheiden mussten, ob sie ihn gehen lassen oder ob er weiter künstlich beatmet werden sollte.
    Hoffentlich erhältst Du eine ähnlich gute Unterstützung. Ich wünsche Dir und Deiner Mutter in dieser schweren Zeit viel Kraft! Regine

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  4. Lieber Reiner, es ist gut, dass Kleinigkeiten im Alltag dich ab und an ablenken können, ich wünsche dir viel seelische Kraft und Vertrauen, dass die Seele immer den richtigen Weg letztlich doch findet. Sei man jung, alt oder sogar im Sterben. Liebe Grüße von Sabina – Holda Stern

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