Sonntag, 210613

Gestern Abend, gegen Sechs. Es gibt noch etwas zu erledigen, Post wegbringen, Sachen abholen, profane Gründe, das Haus zu verlassen. Ich staune über die vielen Menschen, die offenen Läden, die vollbesetzten Biergärten, das pralle Leben. Glückseligkeit allerorten und ich bin es nicht mehr gewohnt. Menschenansammlungen machen mir Unwohlsein oder verstärken Vorhandenes, je nach Blickrichtung. Sind sie echt, die Gesichter mit dem halben Liter Weizen im Gesicht oder der dicken Eiswaffel? Mich reizt es nicht, auch mit Blick auf die Zettelwirtschaft, digitale Wüste. Zu laut, zu voll, zu aufgesetzt, zu ungewohnt wirkt die Stimmung auf mich. Die Mitternachtsseele vermisst den kühlenden Schatten und flüchtet sich in St. Laurentius

Es ist Messe, in jeder zweiten Bank sitzen einige wenige Menschen. Maskiert möchte ich Platz nehmen, jemand sagt HALLO, eine nette junge Frau nötigt mich freundlich, aber bestimmt zur Adressabgabe. Ich schüttle den Kopf und wende mich um zum gehen. Als ich fast schon wieder draußen bin, höre ich sie, mir folgend. Hallo, Sie können dort sitzen, wenn Sie möchten… und zeigt auf eine Bank ganz hinten. Die Katzenbank für Menschen wie mich. Und so nehme ich einen Moment Platz, kann zwar nichts von der Show weiter vorne sehen, aber hören, das reicht mir. Liturgien sagen mir nichts, und das aufgeblähte Drumherum der Katholen erinnert mich irgendwie an die Sonne, das Weizenbier, die Gesichter. Nach einigen Minuten gehe ich.

Es ist nicht nur Messe, auch eine überregionale Veranstaltung, wie mir ein Infotisch im Eingangsbereich sagt. Beim gehen schaue ich die beiden Kärtchen, die ich eingesteckt habe, weil sie mich ansprechen.

Mit Blick auf den Trubel denke ich an Geistliche, die sich wundern, wo die Menschen bleiben. Vielleicht – wenn mehr Klartext über unser aller Befindlichkeiten gesprochen würde, hätte eine Messe bessere Chancen gegen Weizenbier, Eis, Currywurst, Hedon in allen Farben. Keine Ahnung, vielleicht liegt es an der Mitternachtsseele, die sich aus gegebenen Anlass gerade verstärkt mit Verfall, Tod, mehr oder eher weniger erfüllte Leben und dergleichen auseinandersetzt, aber auch ihr gefällt die etwas befremdliche Sonne.

Apropos Mitternachtsseele…

Ich mag die Sonne, die Palmen und das Meer
Ich mag den Himmel, schau‘ den Wolken hinterher
Ich mag den kalten Mond, wenn er voll und rund
Und ich mag dich mit einem Knebel in dem Mund
Ich mag volle Gläser, die Straßen wenn sie leer
Ich mag die Tiere, Menschen nicht so sehr

So, und weil der Schatten nie das letzte Wort haben soll, noch ein paar Licht-Bilder zum Schluss, abseits vom Trubel auf dem Laurentius…

*

26 Gedanken zu “Sonntag, 210613

  1. Guten Morgen Reiner.
    Ich kann deine Gedanken gut nachvollziehen.
    Für mich wirkt noch immer alles unwirklich und irritierend.
    Teilweise bin ich mit den Massen völlig überfordert und sehe zu alles Nötige schnell zu erledigen. Ob es sich mal ändert? Ich weiß es nicht.
    Leider lässt sich nicht alles verhindern und manches ist nach so langer Zeit notwenig.
    Einen guten Sonntag wünsche ich dir
    Nati

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      1. Wirtschaftlich gesehen schon.
        Aber zum Glück muss man nicht alles mitmachen.
        Ob es jemals wie vorher wird? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.
        Gut dass ich meinen Garten habe.
        Danke Reiner.

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  2. Lieber Reiner, Dienstag muss ich zur 2. Impfung. Ich teile Deine Gedanken und kann mich über die neue/alte Freiheit nicht freuen. Lotte hat die richtigen Worte getroffen: „Sehnsucht nach mittigem Innehalten“.

    Hat es Dich vor oder nach „Rammstein“ in den Gottesdienst getrieben? 😜
    Ich wollte in kath. Kirchen immer nur sitzen und in mich lauschen. Sie wecken dort mein „Dunkelsein“.

    Hab einen schönen Sonntag und einen guten Wochenbeginn. Liebe Grüße, Gisela

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  3. Jemand sagte: „Jetzt bin ich vollständig geimpft und habe so gar keine Lust, etwas zu unternehmen. Komisch, oder?“ Nein, fand ich nicht komisch oder seltsam. Mir geht es ja genauso und ich setze mich nicht mehr unter Druck. Das ist neu und wohltuend. Ich muss nichts machen, auch wenn ich es könnte. Viele sind unterwegs, ich aber eben nicht. Punkt.
    So wohltuend zu lesen, dass es Dir ähnlich geht. Ich verstehe diese allgemeine Fröhlichkeit nicht so ganz.
    Allerdings bin ich nach der Impfung viel entspannter und ich merke, wie sich meine Batterien so langsam wieder aufladen. Als ich einem (geimpften) Sohn sagte, wie sehr ich mich freue, dass wir uns das nächste Mal unbeschwert fest umarmen können, antwortete er: „Nein, geht nicht. Meine Freundin ist noch nicht geimpft.“ Ja, daran habe ich nicht gedacht.
    Dir noch einen schönen, entspannten Sonntag, lieber Reiner! Regine

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  4. Da geht es mir ähnlich wie dir: die Menschenmassen und das Gewusel machen mir Unwohlsein. Seit Montag haben wir morgens wieder das totale Verkehrschaos, nachdem monatelang alles ruhig und gemächlich zuging.

    Ich habe für mich beschlossen, dass ich nicht zurück ins Hamsterrad gehe, sondern weiterhin viel vorsichtiger mit mir und meinem Tun umgehen werde. Quasi ein innerer Dauerlockdown 😉
    Grüßle flussaufwärts ☺️

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  5. Geliebter Reiner, 🌻
    schöne Bilder („abseits vom Trubel auf dem Laurentius…“) hast du da eingestellt. Insbesondere jenes, auf dem der Hauseingang von Rosen umkränzt wird, gefällt mir sehr. Danke fürs Zeigen.
    Fühlbare Grüße
    Luxus

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  6. Ein Text der mich sehr anspricht. Wir kommen gerade von einer Feier zurück. Karla hat sich während ihres Firmungskurses entschieden sich nicht firmen zu lassen. Das wurde heute würdig begangen im Sinne von Firm geworden. Sich eine eigene Meinung bilden. Ich selbst: weder katholisch noch evangelisch war von den Roten der katholischen Kirche oft angetan. Das evangelische erschien mir oft als zu verkopft. Manchmal waren es die Freikirchen die ich überzeugend fand in ihrem Idealismus.
    Ich kann es gut verstehen dass einen das ganze Laute bunte Leben plötzlich wie ein overliad vorkommt und man in die Tolle flüchtet. Mir geht es auch oft so

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    1. Die Konfession oder Zugehörigkeit zu einer „Amtskirche“ ist nicht wichtig. Es gibt eine Menge aufrechter und warmherziger Menschen ohne jede Religionszugehörigkeit. Freie Entscheidung – und ok für Karla, sich so entschieden zu haben. Sie kann sich immer wieder umentscheiden, in ihrem noch fast vollständig vor ihr liegendem Leben.

      „Freikirchen“ – Evangelikale, denen stehe ich ambivalent gegenüber. Idealismus – ja, den haben sie. Zusammenhalt auch, sie stehen für einander und üben sich in Protektion, gerne auch beruflich. Die Kehrseite der Medaille sind teils autoritäre Machtstrukturen in den Gemeinden sowie weit verbreitete politische Agitation, teils offen für die rechts-Konservativen, teils verborgen, subtil als stimmungsmachende Bodenbereiter für eine „andere Republik“ in ihrem Sinne, Auch hier auf dieser Plattform, wenn auch eher selten.

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      1. Ja, eine Republik möchten sie alle. Nur die Vorstellungen davon gehen teils weit auseinander. Habe gerade nochmal nachgelesen, unsere föderative Bundesrepublik ist eine konstitutionelle Republik mit einem parlamentarischen Regierungssystem. Das heißt, konstitutionell – Schutz durch eine Verfassung, die nur mit 2/3 Mehrheit geändert werden kann. Parlamentarisch, weil die Regierungsgewalt vom Parlament ausgeht, nicht vom Präsidenten, der bei uns im Gegensatz zu Frankreich ausschließlich repräsentative Aufgaben hat, allenfalls je nach Charakter eine moralische Instanz verkörpern kann. Der Bund, die Föderation, ist ein „Geburtsfehler“ unserer Republik, die sich aus mehreren bis dahin autonomen Staaten gründete. Sie bedient die regionalen Unterschiede, verhindert im Grundsatz Bevorzugung oder Benachteiligung ganzer Regionen und verteilt theoretisch die Macht gerechter als eine starke Zentralregierung. Nachteil sind die langen Wege und teils endlosen Streitereien.

        Merkmal jeder freiheitlich-demokratischen Grundordnung ist eine strikte Gewaltenteilung. Es gibt auch bei uns starke Kräfte, die sich eine politische Unterwanderung dieser Teilung wünschen. Wie das geht, durfte man bereits in Polen und Ungarn beobachten, die über keine wirklich unabhängige Justiz mehr verfügen. Von den Staaten weiter östlich mal ganz zu schweigen. Die Evangelikalen zählen in USA zu den stärksten Unterstützern der von Trump beherrschten „Republikanern“. Hierzulande sind sie nicht so offen unterwegs, träumen aber zumindest teilweiser auch von einer Präsidialrepublik mit einer von der herrschenden Kaste abhängigen Justiz.

        Die Linken? Ihnen gehört mein Herz, aber nicht mein Verstand. Ihre Grundgedanken einer gerechteren Welt kann ich voll teilen, jedoch vergessen sie manchmal, wie scheu Geld sein kann. Ihre Vorstellungen von Republik kann ich nicht wirklich einschätzen.

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  7. Mir geht es wie dir: Die wieder auferstandene Betriebsamkeit auf den Straßen kommt mir künstlich vor, als handle es sich um ein Theaterstück. Den Tag X, an dem alles wieder normal wird, gibt es nicht. Es sieht zwar wieder aus wie früher, aber normal ist jetzt etwas anderes. Ich weiß aber nicht sicher, was das ist. Mit den vielen Menschen sehe ich auch viel Oberflächliches, oder bilde ich es mir ein?
    „Vor Gott bringen, was dich beschäftigt“. Der Satz gefällt mir.

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    1. Oberfläche hat auch ihre Berechtigung, physikalisch steht sie für eine Außengrenze, psychisch eher für Oberflächlichkeit. Interaktionen unter uns Menschen beginnen meist mit der Oberfläche und arbeiten sich dann langsam zum Kern durch. Oder auch nicht, manchmal verweilt die Berührung in einer bestimmten äußeren Schicht, was gut ist, weil dann wahrscheinlich passend.

      Mir reicht mittlerweile die „Oberfläche“ vieler Mit-Menschen völlig aus, verspüre wenig bis kein Verlangen, tiefer zu gehen. Es reicht mir schon, was ich fühle, spüre, hier und da. Manchmal ist es anders, ja. Worte, die bewegen. Oder Blicke, Gesten. Das nehme ich sehr aufmerksam wahr und gelegentlich lasse ich mich gerne drauf ein, wenn die Gelegenheit passend scheint. Nähe hat so viele Gesichter. Im Biergarten zeigt sich nur die Oberfläche, das reicht auch für dort in der Regel, ja.

      Die lange Zeit des Rückzuges hat etwas gemacht, mit mir, und offensichtlich geht es vielen anderen auch so. Bin schon länger so unterwegs, nach tieferen Schichten Ausschau zu halten, aus Selbsterhaltungstrieb eines süchtigen Menschen. Jetzt bekommt das alles auch eine gesellschaftliche Dimension, spannend zu sehen. Spannungsfelder offenbaren sich, zwischen denen, die ihr „altes Leben“ zurück haben wollen – koste es, was es wolle – und auf der anderen Seite die eher nachdenklich gewordenen. Es tut sich was, ja, die Zeit macht etwas mit uns.

      Liebe Grüße!

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      1. So wie du Oberfläche beschreibst, stimme ich dir zu. Oberfläche bzw. Oberflächlichkeit ist der erste Schritt zu tieferen Schichten, der gegangen werden kann oder auch nicht. Beides hat seine Berechtigung.
        Diese sog. Oberflächlichkeit bei Menschen findet sich häufig im öffentlichen Bereich, das wird mir jetzt klar. Wir haben es lange nicht gesehen, es scheint profan, was es natürlich nicht ist. Aber es wirkt wie ein Zurschaustellen: Schau wieviele Freunde ich habe, schau was ich mir (im teuren Restaurant) leisten kann, schau wie lebenslustig ich bin, usw. Auch das hat seinen Platz, es ist menschlich.
        Ich bin nur nicht mehr daran gewöhnt und kann nicht mehr viel damit anfangen. Wir mussten so lange ohne viel Kontakt mit anderen Menschen aushalten, dass wir – oder ich zumindest – festgestellt haben, dass es nicht so wichtig ist wie gedacht. Es gibt andere Wege, mit Menschen in Kontakt zu bleiben. Aber es ist auch nicht ganz unwichtig.
        Wahrscheinlich ist der Anblick plaudernder Menschen in der Öffentlichkeit einfach ungewohnt, nicht mehr und nicht weniger.
        Hab einen schönen Tag!

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  8. Bei uns ist auch schwer was los … ich find das schon schön … wieder voll das Leben …
    Es liegt ja bei mir, für mich das richtige Maß zu finden …
    Mal wieder raus gehen … mal wieder Essen gehen …
    Ich kann ja jederzeit zurück in meine Welt

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    1. Draußen essen geht hier auch, nur für drinnen wollen sie einen Test. Bin froh, wenn ich „durchgeimpft“ bin, Ende des Monats.

      Meine Welt – musste gerade grinsen. Es gibt doch nur die eine … meine Wohnhöhle passt für mich besser 🙂

      Moin 🙂

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  9. Wohl wahr, ich war am Wochenende zu Besuch bei meinem Jüngsten, und diese Menschenmengen vor der Gastronomie wirkten auf mich, als wäre dort auf den Terrassen ein anderer Planet, ein anderes Energiefeld. Dabei liebe ich es, ab und zu, durch eine belebte Innenstadt zu flanieren und diese besondere Atmosphäre einzuatmen…
    Das zweite Kärtchen gefällt mir. Ja, traurig, dass solch menschennahe Impulse innerhalb der Liturgie zwar nicht fehlen, aber sprachlich völlig anders artikuliert werden, so dass die Worte die Menschen nicht erreichen.
    LG Holda Stern – Sabina

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