Mittwoch. 210526

Beim sichten einer internen Stellenausschreibung (ein Werksstudent wird gesucht) habe ich wieder mal einen schönen neuen Begriff gelernt:

Hands-on Mentalität

Klingt gut, konnte ich nur nichts mit anfangen, also – Suchmaschine:

„Im Management-Bereich bedeutet der Ausdruck, dass Personen gefordert sind, die nicht nur delegieren, sondern selbst mit anpacken. Im Grunde handelt es sich bei der Hands-on-Mentalität um eine leere Worthülse, denn der Begriff ist so gut wie bedeutungslos.

Aha. Etwas ganz Altes also, neu verpackt. Das muss derart exotisch sein, selbst mit anzupacken, dass es einen schönen neuen Begriff dafür braucht. Finde ich ja richtig gut, hat es sich doch tatsächlich herumgesprochen, dass selbst in einem kleinen Häuptling ein Rest von Indianer steckt.

Bedeutungslos – Moment mal – Die Karrierebibel (auch geil, oder – die kriegen keine Tantiemen dort, die leben von der Kirchensteuer) beschreibt das etwas näher. Das ist auch erforderlich, könnte man als Unbedarfter ja Hand-anlegen durchaus auch anders deuten. Damit das unterbleibt, wird genauer erläutert, wie das so gemeint ist: Da ist von Zielstrebigkeit, Sachkenntnis (!), Selbstständigkeit, Hilfsbereitschaft sowie Umsetzungsstärke die Rede. Also alles so Sachen, die man offensichtlich nicht unbedingt an der Uni lernt, Neigungen, die so weit her geholt scheinen, dass sie nicht nur betont, sondern auch als alter Wein in neuen Schläuchen verpackt werden.

Grandios, ich bin begeistert. Das gibt Schub nach ganz vorne für den heutigen Tag! Wieder ein Tag mehr, an dem ich meinem Schöpfer danke, dass dieser Irrsinn nur noch ein paar Jahre dauert, auch, wenn tragischerweise die Zahl der mir zur Verfügung stehenden Tage damit auch weniger wird.

18 Gedanken zu “Mittwoch. 210526

  1. Guten Morgen, lieber Reiner. Da bin ich froh, dass ich zur Arbeitssuche zu alt bin. Bei mir war es so, dass die Firmenchefs MICH angerufen haben, damit ich für sie arbeite. Heute ich alles anders…und schon immer musste man die ‚Ärmel hochkrempeln‘. Amerikanische Verhältnisse haben hier schon lange Einzug gehalten. Leider!
    Hab einen schönen Tag❣ Liebe Grüße, Gisela

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  2. Ich find das nicht so unangewöhnlich … Hands-on ist ein in meinem Arbeitsumfeld recht üblicher Begriff, vor allem auch für Trainings … auch so ein Beispiel … Training … so viele Englische Wörter sind inzwischen ganz normaler Wortschatz, zumindest in den internationalen Firmen, deren Konzernsprache halt Englisch ist 😁

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  3. Ach ja, dazu fällt mir auch etwas ein, das alter Wein in neuen Schläuchen ist: Im Zuge der Debatten um das Verbot des Kükenschredderns kommt immer häufiger die Züchtung eines „Zweinutzungshuhns“ ins Spiel.
    Als ich mit 5-7 Jahren in der Nachbarschaft auf dem Bauernhof im Hühnerstall Eier suchte und fasziniert beim Schlachten der Hühner zusah, da waren das, na was wohl: Zweinutzungshühner. Sie legten Eier, nicht so viele und vor allem nicht so große wie die armen Legehennen heute, aber ausreichend. Und sie waren für die Fleischverwertung ordentlich, ohne nach 10 Wochen Mast nach vorne Übergewicht zu haben, weil ihnen etwas angezüchtet wurde, das jeden Bodybuilder vor Neid erblassen lässt…
    Unsere Gesellschaft ist doch teilweise echt erbärmlich, vor allem lassen wir uns von Marketingassen viel zu oft einwickeln. Egal ob als Arbeitnehmer oder Konsument.
    Gegrüßt hab ich dich heute ja schon, das gilt immer noch😉.

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  4. Antwort galt ananda.
    Zur Sache selbst: diese neuen z. T. Hochstapelwortschöpfungen nerven mich auch. Oft sollen sie arbeitstechnischen Mehrwert signalisieren bei gleichzeitig schwindenden Kompetenzen in vielen Bereichen, vor allem bei Uni-Absolventen. Diesem Umstand und seiner selbstverständlichen „hands-on Mentalität“ hat mein Universal-Praxis-Mann seinen neuen Arbeitsbereich als technischer Manager zu verdanken, der mit seinem Wissen die Ingenieure aus dem Rennen geschlagen hat, ganz ohne Schaumschlägerei im Bewerbungsgespräch.

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  5. Ein STUDENT der Arbeit delegiert und selber mit anpackt? Wenn der Student dem Vorarbeiter/Meister/Chef sagt was er tun soll, läuft aber einiges schief bei euch. Oder an wen soll der Student Aufgaben sonst delegieren und wenn ja, darf der das überhaupt. Ist er einem Dreher, Instandhalter, Schweißer gegenüber überhaupt weisungsberechtigt? Oder soll er Azubis betreuen? 🤔 Oder soll er einfach nur den Werkzeugkoffer vom Instandhalter von A nach B tragen? Oder die CNC säubern? Egal wo ein Werkstudent eingesetzt wird, ranklotzen muss er eh. Das extra in der Stellenanzeige zu erwähnen ist schon sehr grotesk 🤣

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