Samstag, 200815

Die Nacht war sehr kurz, ob es an der Hitze hier in der Wohnung lag oder an meiner derzeitigen Lektüre – wohl eine Mischung aus beiden. Lesestoff: Derzeit alles von Carlos Ruiz Zafón, der uns leider viel zu früh voraus gegangen ist. Gerade habe ich den dritten Band der Serie „Friedhof der vergessenen Bücher“ in Arbeit. Eine fesselnde Mischung aus 60% Kriminalistik & Zeitgeschichte, 20% Liebe und 20% Horror/Magie, in veränderlichen Anteilen. „Marina“ habe ich (zwischendurch) nach dem „Schatten des Windes“ gelesen, das Buch steht für sich allein und hat einen höheren Anteil Magie/Horror – ebenso mega spannend.

Sonst so? Leben ordnet sich neu. Bin viel mit mir allein, pflege einige wenige Kontakte. Derzeitige Herausforderungen sind Urlaubsvertretung des Kollegen sowie die übliche Dauerbaustelle Eltern. Herausfordernd auch die regelmäßigen Visiten in einschlägigen Kaufmannsläden. Alle wieder da, viele übellaunig, gereizt und sowieso hat keiner Zeit. Dinge, die ich nicht ändern kann. Mit guter Laune voran gehen, ist auch nicht so einfach, in manchen Stimmungen hat ein versuchsweise freundliches Grinsen eine leicht dämonischen Einschlag. Da bleibe ich besser bei einer freundlichen oder wenigstens würdevollen Distanz, nach Möglichkeit, auch wenn mir diese als Arroganz ausgelegt werden sollte. Sei`s drum.

Apropos (ver-)kaufen. Alle wollen oder müssen es, ich auch. Mich selbst, in alter Frische. Handwerkliche Edel-Prostitution sozusagen. Neulich kam ein Brief von dem Rententräger. Der stand erst mal 5 Tage ungeöffnet auf der Küchenanrichte, weil, schon klar, was da drin steht. Wenn Sie noch weiterhin, bis März 2029, so fleißig sind, dann versprechen wir ihnen eine Zahl X. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich 51 Berufsjahre auf dem Buckel und wäre fast 67 Jahre alt. Diese Pisser… Ja, ich weiß, mir geht es vergleichsweise gut und öfter mal bedanke ich mich auch dafür. Sieht also alles nach einer längeren Fortsetzung der Käuflichkeit aus.

PS: Beim betrachten des Filmchens ging mir so einiges durch den Kopf.

  • Zum einen war ich, als „Kauf mich“ herauskam, 27 Jahre jünger als heute. In erster Ehe verheiratet, zu dieser Zeit (das änderte sich in den Folgejahren erheblich) weder glücklich noch unglücklich, aber stets besoffen (das wiederum blieb noch einige Jahre).
  • Die Kapelle hat auch bei ihrem Auftritt vor knapp zwei Jahren in Berlin nichts von ihrer Ausstrahlung eingebüßt. Die blühten in kleinen Klubs immer schon auf.
  • Das besungene Prinzip gilt unverändert bis heute. Nur die so genannte Wertschöpfung hat sich stark verändert. Produziert wird anderswo, hierzulande wird heute vorwiegend damit Geld verdient, anderen zum Geld verdienen zu verhelfen. Oder zum ausgeben.
  • So ein feierliches Gedränge mit Stagediving ist mit Corona wohl endgültig Geschichte.

25 Gedanken zu “Samstag, 200815

  1. Handwerkliche Edelprostitution😂😂😂😂 jau, dat mach ich auch😎
    Gestern hatte ich auch das nette Schreiben in der Post und mir wurde bestätigt, dass mit 66 noch lange nicht Schluss sein kann, es sei denn, ich ziehe um unter die Wupperbrücke
    Fröhliche Grüße flussaufwärts

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  2. Über den dämonischen Einschlag musste ich lachen. Glücklicherweise war ich nach 47 Berufsjahren ‚erlöst‘. Das kann ich jedem empfehlen, mit oder ohne Dauerbaustelle ‚Eltern‘. Waren bei mir nur diverse Chemieanlagen. Echt ätzend! 😰

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
    Gisela🙂

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      1. sicher sicher. wenn ich meine ansprüche zurechtstutze, werde ich womöglich auch als flaschensammler ein erfülltes leben führen.
        man weiß ja nicht genau, was nach „diesem“ leben kommt. nicht unmöglich, als sklave in einer gold- oder diamantenmine aufzuwachen oder einer von den vielen soldaten, die von der politik auf schlachtfeldern geopfert werden….
        dann doch lieber auf den alexanderplatz setzen und beim betten seine würde vergessen…

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      2. Ist ein scheiß-langer Weg, Menschen sind robuste Geschöpfe. Tot saufen dauert und ist qualvoll. Am Ende stehen der Verlust jeglicher Würde, massive Hirn- und Nervenschäden, Psychiatrie, Pflegeheim, multiples Organversagen.

        Na dann, hau´rein.

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      3. Du bist für mich ein wertvoller Mensch. Nicht nur, weil du mir zeigst, wo ich selbst stehen könnte. Sondern weil ich niemanden aufgebe, selbst, wenn der Betreffende das an sich schon längst getan zu haben glaubt.

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      4. Du bist für mich auch ein wertvoller Mensch, Reiner. Ich akzeptiere deinen Weg. Mir zu soft gespült. Oder anders gesagt: zu hirngewaschen.
        Noch ein paar gute Gedichte raushauen und einsam sterben…
        Das ist mein Weg – konsequent und ehrlich.

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  3. Ich finde es eher ernüchternt als erschreckend. Ich hatte das „Glück“ es auf 45 Berufsjahre zu bringen, was heute den Meisten nicht „vergönnt“ sein wird. Was ist davon geblieben? Das Nettoeinkommen hat sich mehr oder weniger halbiert , Menschen und Firmen mit denen ich angefangen habe gibt es nicht mehr und auch das „Gewerkte aus Metall “ ist verrottet. Alles ist dem Verdarb ausgesetzt und mir bleibt nur noch „Restzeit“. Da fällt es manchmal schwer, wohlwollend zurückzuschauen.

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    1. als alter altenpfleger kann ich nur zustimmen… die gesellschaft ist im arsch. es zählen zu über 90% nur noch materialistische werte. und die kommen bei denen, die sich für die gesellschaft den arsch aufreißen, noch nicht mal an.

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