Sonntag, der 10te Mai

Viel gibt es nicht zu berichten. Derzeit scheint die Welt zumindest um mich herum ein Stück weit still zu stehen. Der Zustand der Eltern ist unverändert, die Isolation in Sachen Selbsthilfegruppen ebenso. Es gibt virtuelle Alternativen, Zugänge sind mir bekannt und technisch einigermaßen vertraut, aber ich nutze sie nicht. Mir fehlt etwas dabei, schwer zu beschreiben. Die Verbundenheit mit den mir persönlich bekannten Freunden dagegen bleibt und wird zumindest telefonisch gelegentlich gepflegt.

Diese Woche – der achte Mai, vorgestern. Für die einen Tag der totalen und absoluten Niederlage, militärisch, verbunden mit Gebietsverlust und politischen Gestaltungsmöglichkeiten, wie sie sagen, ohne das weiter auszuführen (mir gruselt bei der Vorstellung, wie diese wohl ausgesehen hätten, wäre es anders gekommen). Für die anderen Tag der Befreiung von einer unmenschlichen Diktatur. Für mich steht dieses Datum für beides, für eine totale militärische, aber vor allem moralische und menschliche Niederlage, eine komplette Bankrotterklärung eines Teiles meiner Ahnen, die sich von der Vorstellung haben blenden lassen, bessere Menschen zu sein als ihre damaligen Nachbarn. Ganz sicher war es auch ein Tag der Befreiung, nicht nur mit Blick auf die Überlebenden der Lagerhaft, sondern auch für die meisten Menschen wie zum Beispiel meine Eltern, damals Kinder, 10 und 11 Jahre jung, die einfach erleichtert und froh waren, nicht mehr täglich um ihr Leben fürchten zu müssen. Sie ahnten an diesem Tag noch nicht, wie schwer die nächsten Jahre zu ertragen sein würden. Als der Hunger vorüber war, haben sie sich abgelenkt, haben verdrängt und konsumiert. Sie hatten keine anderen Möglichkeiten, das Aufarbeiten war an meiner Generation, in meinem Fall als süchtiger Mensch Überlebens-notwendig, bis heute.

Sonst so? Mit wenig Überraschung verfolge ich die derzeitige Stimmung im Land. Leider menschlich, das Ganze. Sorge bereitet mir die politische Zukunft, aber auch hier wie überall im Leben hilft nur Vertrauen, dass ES sich finden wird. In diesem Fall das Vertrauen in die politische, menschliche und Verstandes-technische Reife meiner Mitmenschen, auch wenn es manchmal schwer fällt.

So, genug der Schwere, zum Schluss noch etwas wunderbar Leichtes, auch wenn sie tagtäglich schwerer wird, wie mir scheint. Und – man beachte die feine, farbliche Abstimmung mit den Schaffellen.

Darf nicht fehlen…

~

13 Gedanken zu “Sonntag, der 10te Mai

  1. Mit der Hoffnung da hapert es. Was kann ich von Mitmenschen erwarten die bei einem Virus, der bekanntlich die Atemwege befällt , Toilettenpapier, Mehl und Hefe hamstern, um zu „Überleben“.Dann schreckt mich noch der vorauseilende Gehorsam, diese maskentragenden Mitbürger mit diesem Teil, rund um die Uhr.

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  2. Was den 8ten Mai betrifft, so würde ich gerne mit meinen Großeltern darüber sprechen, wie ihr politische Ansicht damals war. Geht ja leider nicht mehr, da sie lange verstorben sind. Ob sie allerdings dazu bereit wären wage och zu bezweifeln.
    LG sk

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    1. Mir reicht, was ich Jahrzehnte nach seinem Tod von meinem Großvater mütterlicherseits erfahren habe. Es gab in meiner beiden Sippen von jeden etwas … und nein, mein Opa hätte mit mir sehr wahrscheinlich nicht darüber gesprochen.

      Liebe Grüße auch dir.

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  3. Senf dazu? Ja! Ich teile so gerne, auch meinen Senf :-). Durch den Blog von Bettina in FL bin ich auf den deinigen aufmerksam geworden. Und inspiriert durch deinen Musik-Beitrag von Velvet Underground melde ich mich mal mit meinem aktuellen Senf, dem Text eines Lobpreisliedes von Evie Sturm von 2005 mit dem Titel >Mit der Kraft deiner Liebe<, welches mir in den letzten Tagen immer wieder in den Sinn kommt, weil sich gerade in dieser Zeit so viele menschliche Nöte offenbaren und auch Erinnerungen an vergangenes Leid so vieler Menschen; das Lied findet sich klaro auch auf youtube, aber ich bin ´ne technische Null und pack´ diesbezüglich bisher noch nicht mal solche Verlinkungen, aber ich lerne es sicherlich noch; der folgende Text von Evie ist auch ein schönes Gebet, finde ich; jetzt also meinen Zitier-Senf: Gott, hier bin ich, kannst du mich hören? Zweifel ist in mir. Bist du da, und bist du für mich, mit deiner LIEBE hier? Da ist so viel, was in mir weint, Gott, was mich verletzt, was ich nicht fassen kann; so viel an unerfüllter Sehnsucht, ich bitte dich, komm´ rühr´ mich an. Komm´ mit der Kraft deiner Liebe in mein Herz. Nimm mir die Bitterkeit. Komm´ mit der Kraft deiner Liebe in mein Herz. Nimm Verletzungen und Traurigkeit aus meiner Seele fort, heile du die Wunden in mir, mein Gott. Herr, hier bin ich und will dir sagen, was mich so verletzt, was mich bitter macht, enttäuscht hat, was mich mit Angst besetzt. So viele unerfüllte Träume hab´ ich in mir, sie lassen mich nicht los; so viele ungesagte Worte, der Berg vor mir erscheint so groß. Komm´ mit der Kraft deiner Liebe in mein Herz… (wiederholt sich als Ref. bis…) heile DU die Wunden in mir, mein Gott!!!

    Ganz herzliche Grüße unbekannterweise aus dem Norden von Marlies

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  4. Ja, eigenartig, nicht? So eine bizarre Stimmung erfasst mich auch seit einigen Tagen … die ganzen Proteste … dabei weiß zur Zeit niemand, was noch kommt, wenn wieder alles „wie zuvor“ läuft.
    Zu alldem: Am Ende werden Trockenheit und Hitze ärger zuschlagen als jede Pandemie es könnte. Wir werden nachhaltiger leben müssen, weniger blind konsumieren … „Öffnungen“ nach dem Shutdown hin oder her …
    Dann, ja, die Erinnerungen an den Krieg, an meine belgischen Großeltern, die bis zum Schluss nie ein gehässiges Wort gegenüber „Deutsche“ geäußert haben, obwohl sie doch sosehr gelitten haben. Für sie waren alle Opfer in diesem Krieg, bis auf die kranken Machthaber wie Hitler, Göbbels und Konsorten.
    Die Menschen sollten sich heute mal bewusst machen, dass es eine kostbare Freiheit ist, überhaupt protestieren zu dürfen, und diese Freiheit nicht sinnlos ausnutzen.
    Es gilt, klug und besonnen zu sein in diesen Zeiten. Mir fehlen auch meine sozialen Kontakte. Ich bin froh, dass ich so tolle Nachbarn habe und das gute Wetter nutzen konnte. Dann war ja auch noch Muttertag, der dieses Jahr nicht stattfinden konnte wegen der Gefahr, den Virus an die älteren Menschen zu übertragen. Da spielte die geschlossene Grenze keine Rolle!
    Ich hoffe, dass diese Pandemie bald unter Kontrolle ist, und dass wir alle gemeinsam Möglichkeiten finden, vernünftig mit unserer Erde umzugehen und mit allen Lebewesen, die darauf leben!
    Liebe Grüße ins Wuppertal 🍀

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