Von leeren Straßen

Er steht im Wohnzimmer, hat die Winterjacke schon an und so allmählich wird ihm warm. Die gerade besorgten Blumen stehen auf dem Balkon, er will sich vom Vater verabschieden, bleibt aber, weil Abstand geboten ist, ein gutes Stück von ihm entfernt. Schaut diesen Mann, der gerade nach einer gefühlten Ewigkeit wieder aus dem Keller in die Wohnung gekommen ist und nun erschöpft auf dem Sofa liegt. Schaut diesen Menschen, dem nicht nur wegen der Augencreme die Augen feucht zu sein scheinen. Am Morgen war Vater beim Arzt und staunte über die leeren Straßen, angesichts der Infektionsschutz-Verordnungen.

Früher waren auch leere Straßen, sagt der Vater langsam und mit erstickter Stimme. Im Krieg, die Tiefflieger. Wer schon dieses Brummen hörte, sprang um sein Leben. Sie schossen auf alles, was sich bewegte, Männer, Frauen, Kinder, alle… ich hätte nicht gedacht – der Vater bringt den Satz nicht sofort zu Ende – dass ihr jetzt … nach so langer Zeit … wegen sowas …

Es berührt sein Herz, den alten Mann so zu sehen und zu hören, obwohl er die Geschichten kennt, die von früher. Als der Vater Schulkind war und regelmäßig nicht nur um sein eigens Leben, sondern auch um das seiner kranken Mutter laufen musste. In solchen Momenten wie jetzt sind all vielen Jahre, all der Streit, all die Verletzungen wie weggeblasen, er sieht nur noch diese Augen und verabschiedet sich tief bewegt.

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12 Gedanken zu “Von leeren Straßen

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