Stunde Null

Unter Wasser atmen

Ich habe mein Haus am Meer gebaut.
Nicht auf Sand, wohlgemerkt,
nicht auf Treibsand.
Ich habe es aus Stein gebaut.
Ein starkes Haus
an einem starken Meer.
Und wir haben uns aneinander gewöhnt,
das Meer und ich.
Gute Nachbarn.
Nicht, dass wir viel gesprochen hätten.
Wir trafen uns schweigend.
Respektvoll, auf Abstand bedacht,
aber mit Blick auf unsere Gedanken
durch den Zaun aus Sand
Stets mit dem Zaun aus Sand als Grenze,
stets den Sand zwischen uns.

Aber eines Tages,
und ich weiß immer noch nicht, wie es geschah,
da kam das Meer.
Ohne Warnung.
Auch ohne Einladung.
Nicht plötzlich und schnell,
sondern eher wie Wein
sich durch den Sand einen Weg bahnt,
weniger wie Wasser fließt
eher wie ein Strömen von Blut.
Langsam, aber stetig.
Langsam, aber strömend wie eine offene Wunde.
Und ich dachte an Flucht und an Ertrinken
und an Tod.
Und während ich noch dachte, stieg das Meer höher,
bis es meine Tür erreichte.
Und da wusste ich, es gab keine Flucht, keinen Tod,
kein Ertrinken.
Wenn das Meer kommt und nach Dir ruft,
gibt es keine gute Nachbarschaft mehr,
als ob ihr euch gut kennt und freundlich distanziert bleibt.

Du tauscht dein Haus
gegen ein Schloss aus Korallen,
und lernst, unter Wasser zu atmen.

Von Carol Bieleck (Sacré Coeur-Schwester)
gefunden in „Zwölf Schritte der Heilung“ von Richard Rohr

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6 Gedanken zu “Stunde Null

  1. Dieser Text berührt mich sehr. Er hat etwas Tröstliches. Ich denke an meinen verstorbenen Mann. Vielleicht hat er Ähnliches beim Übertritt empfunden, das wäre schön. Ich denke aber auch an bestimmte Lebenssituationen, die mich zwangen, mich auf Neues einzulassen. Vielleicht lerne ich noch, es freiwillig und voller Freude zu tun. Das nennt man dann wohl loslassen….Liebe Grüße vom Regenbogen! Regine

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    1. Liebe Regine, auch der Übergang in die andere Welt kann sich so ähnlich anfühlen, ja. Diese Zeilen laden zu Interpretationen ein, lassen dafür sehr viel Spielraum.

      Selbst habe ich die Worte erst einmal anders gelesen. Das feste Haus auf festem Grund ist unsere Sicherheit, die wir uns geschaffen haben, auf die wir uns verlassen. Vielleicht unsere Art, „logisch“ oder „analytisch“ zu denken. Vielleicht auch leihweise überlassene Dinge, mit denen wir uns umgeben, die uns die Illusion von Sicherheit verschaffen. Vielleicht auch eine Position, die wir uns erarbeitet haben, die uns ein Gefühl von Sicherheit gibt.

      Die „Nachbarn“ reden nicht viel miteinander, solange der vermeintlich feste Grund trägt, setze ich mich nicht mit dem Wasser nebenan auseinander. Schön, dass es das Wasser gibt, Du dort, ich hier, Distanz zum eigenen Seelenleben lese ich hieraus.

      Bis es mir näher rückt, uneingeladen und unaufhaltsam in seiner stetigen Langsamkeit. Wenn alle Ablenkungsmanöver nichts mehr nutzen, keine „Sicherheit“ mehr trägt. Dann habe ich die Wahl, ob ich absaufe darin oder mich darauf einlasse, auf ein Leben im Wasser, verbunden mit meinem Gefühlsleben, tief tauchend.

      In einem Schloss aus Korallen 🙂

      Sei auch Du herzlich gegrüßt !

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  2. Soll ich Dir erst mal guten Tag sagen oder gleich meinen Senf dazu geben? Damit erschrecke ich manchmal Menschen,-wenn ich mit der Tür ins Haus falle. Dich anlache: ich bin ja nicht das Meer….also: guten Tag, lieber Reiner
    „Dann habe ich die Wahl, ob ich absaufe darin oder mich darauf einlasse, auf ein Leben im Wasser, verbunden mit meinem Gefühlsleben, tief tauchend.“
    Ja, ich habe auch schon davon gehört, dass es Menschen geben soll, die am Meer leben und dennoch weder tauchen noch schwimmen gelernt haben. Und immer dachte ich, dass das doch seltsam wäre……
    Es ist ein wunderschönes Gedicht und regt zum Denken an.

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