Ich sehe was, was Du …

Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, der kann in massive Schwierigkeiten geraten, ob der zahllosen Ungerechtigkeit, Bosheit, Gier, Ignoranz und Dummheit auf Erden. Wie nah lasse ich all dies an mich heran und habe ich überhaupt die Mittel, mich abzugrenzen, vor dem, was auf mich einstürmt?

Wer nicht nur blind konsumiert und sein eigenes Elend somit kompensiert, wer sieht, was ist, der kann an sich selbst verzweifeln, angesichts der eigenen Ohnmacht. Heute gibt es für solche Empfindungen passende Titel, hochsensibel zum Beispiel. Wer gar nicht mehr mit sich wohin weiß und dazu passend auffällig wird, der wird nach entsprechender Diagnose „behandelt“, also wieder chemisch funktional hergestellt und / oder ruhig gestellt.

Es ist nicht leicht. Wir leben ja in einem vergleichsweise freien Land. also kann ich mich theoretisch gleich am Samstag Mittag auf dem Marktplatz stellen und meinen Frust, meinen Kummer heraus schreien. Über die Menschenhändler in Libyen zum Beispiel, die im Gefolge der Auslagerung europäischer Drecksarbeit glänzende Geschäft machen. Oder die seuchengeplagten Kinder im Jemen, von denen die wenigsten das Erwachsenenalter erreichen werden, weil u.a. Rheinmetall mit den Saudis gute Geschäfte gemacht hat. Ich hab geschätzte 10 Minuten, mir solcherart Luft zu verschaffen, bis die nächstbeste Streife mich mitnimmt, in das Diagnosezentrum ihrer Wahl, siehe oben. In dieser Zeit ist mir Aufmerksamkeit gewiss, allerdings dem Geiste der Zeit entsprechend von meinen Mit-Menschen, die mich mit lauten Zurufen befeuern, um weiter feine Filmsequenzen mit ihren Smartphonen zu produzieren, nicht, um herauszufinden, worum es mir geht.

Was also ist die Lösung, wenn scheinbar nichts hilft? Auch ich weiß keine, die 100% zuverlässig funktioniert. Gott vertrauen hilft, nicht immer, aber bei mir zumindest immer öfter. Die Füße fest auf den Boden gestemmt, meine Tage leben, ohne mich mehr als unbedingt erforderlich an dem allgemeinen Irrsinn zu beteiligen. Erdverbunden, aber den Kopf zum Himmel gerichtet. Und – ganz wichtig – hier und da mit Hand anlegen, damit sich etwas ändert, so unbedeutend es auch scheinen mag.

PS:
Danke, Heide, für die Inspiration.
Schwester im Geiste.

*

12 Gedanken zu “Ich sehe was, was Du …

  1. Bei mir war das früher so … dass mich das Elend der Welt fertig gemacht hat …
    Was ist jetzt anders ?
    Ich sehe den Unterschied in dem wie ich drauf bin

    Übungsfeld Straßenbahn
    Müde oder angenervt kann das schwierig sein

    Ich wende den Blick ab von unangenehmen Menschen mit Bierflaschen und sehe ein an die Wand gemaltes Hakenkreuz
    Momente der Beklemmung

    Wenn ich es aber hin krieg, einfach ganz da zu sein
    Ohne „mich“
    Ausgerichtet auf Gott
    Ohne Bewertung, ohne Beurteilung
    In der reinen Wahrnehmung
    Dann seh ich etwas anderes
    Dann seh ich den Mangel, das Leid unter dem ordinären Geschrei
    Bin im Mitgefühl
    Bin in der Liebe
    Und guck … das ist gar kein Hakenkreuz

    Swastika
    😉

    Alles Liebe ❤

    Gefällt 1 Person

  2. Manchmal ist das Elend genau so schwer auszuhalten wie die eigene Ohnmacht. Bei Depressionen kaum eine andere Lösung als sich zu schützen. Da geht es nicht um chillen oder shoppen, sondern um einen geschützten Raum, bis das Selbstwertgefühl so groß ist, dass man erst sich selbst und dann auch die anderen lieben kann.

    Gefällt 1 Person

  3. Ja, manchmal ist es zum Verzweifeln, dass ich als „kleine unbedeutende Person “ so gut wie nichts tun kann, um diese Schrecken zu mildern. Das ist der Moment, in dem ich Jesus dankbar bin für seine befreienden Worte: „Liebe deinen Nächsten.“ Genau das und nicht mehr ist unsere Aufgabe. Und diese ist weiß Gott schwierig genug! Weìter bedenke ich, dass jede Tat, und sei sie noch so klein eine Art Energiewelle hervorbringt, wie Kreise welche sich im Wasser ausbreiten. Irgendwann berührt diese Welle eine nächste usw. Bald erreichen sie Menschen in Not… glaube mir, es fällt mir auch schwer daran zu glauben, und doch ist es das, was der Nazaräer vor 2000 Jahren meinte, als er nach der wichtigsten Lebensregel gefragt wurde. Wenn ich auch sonst mich nicht mehr viel mit Bibel und christlicher Spiritualität beschäftige, diese Regel hilft mir auch heute noch, mein Leben lebenswert zu finden als auch einen Sinn darin zu sehen. Wir müssen nicht die Welt retten, das verlangt niemand von uns. Wir sollen nur unsere Nächsten „lieben“. Den, der gerade jetzt, in diesem Moment bei uns ist. Das jeden Tag auf‘ s Neue … Liebe Grüße und einen entspannten Sonntagabend dir und deinen Lieben!

    Gefällt 1 Person

    1. …wie dich selbst.
      Das ist für mich ein sehr wichtiger Zusatz. Bekomme ich es nicht hin, mich selbst zu achten und zu lieben (Zustände, die mir nicht in die Wiege gelegt wurden), wie soll ich dann meinen Nächsten lieben?

      Erst dann – und ja. es fängt im kleinen an, Tag für Tag. Danke & auch Dir herzliche Grüße!

      Gefällt mir

  4. Ich erwischte mich mal dabei wie ich meine Grosseltern darum beneidete mit einem recht begrenzten Horizont zu leben. Afrika so weit wie Mars, Probleme gelöst ehe der Brief gelesen wurde, eine Spende für die Missionare und der eigene Beitrag zum Weltretten war geleistet. (ja, jetzt sehr vereinfacht)
    Dann habe ich geschaut wie ich mich, ohne ignorant zu werden, vor zuviel Nachrichten, zu schnellen Meinungen schützen kann und meine „Welt“ für lange Zeitstrecken auf das zurückgestutzt auf das ich auch Einfluss nehmen kann… und dann auch nehme.
    Ich sehe bis zum Horizont, sollte ich weiter sehen wäre die Erde flach (ja, auch überspitzt – hach bin ich heute streng zu mir – lach)

    Gefällt mir

    1. Wir können nur begrenzt all das aufnehmen, irgendwann reicht es, dann braucht es Rückzug und Regeneration, ja. Früher – war alles einfacher 🙂 Gerade zu Ost-West-Zeiten war die Welt um Längen überschaubarer, aber nicht besser … die Alten hatten andere Prioritäten, in der Tat. Nach gestohlener Kindheit & Jugend waren sie meist auf ihr eigenes Wohlergehen fixiert. Wer kann`s ihnen verübeln – wobei immer schon die Horizonte verschieden weit waren.

      Sei nicht so streng mit Dir 🙂

      Gefällt mir

  5. Du weißt doch? Das Gelassenheitsgebet? Es hilft ja Niemandem, sich jeden Tag mehr aufzuregen (obwohl ich es oft dennoch nicht lassen kann…), sich hilflos zu fühlen, ist auch so furchtbar. Sich selbst wieder ein zu fangen, sich die Worte dieses Gebetes ins Bewusstsein zu holen und danach zu handeln versuchen….ich sehe es als für mich einzigen Weg.
    „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
    den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
    und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

    Gefällt 1 Person

Senf dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s